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Klassik : Der Leuchturm

19.07.2007 16:10 UhrVon Georg Albrecht Eckle
Michael GielenBild vergrößern
Michael Gielen. - Foto: dpa

Von der Schönheit des Progressiven: dem streitbaren Dirigenten Michael Gielen zum 80. Geburtstag.

Was musikalisches Denken angeht, hat er stets die Wege gewiesen. Denn als Dirigent und Komponist macht er klar, dass an die musikalische Nachschöpfung im modernen Bewusstsein neue Anforderungen gestellt werden, ja gestellt werden müssen: die Anforderungen radikaler Kreativität im Interpretatorischen.

Michael Gielen steht fest in der Tradition der Avantgarde des letzten Jahrhunderts. Auf unspektakuläre, ja nüchterne Weise setzt er die Reihe der großen Missionare und Vorreiter vom Kaliber eines Herrmann Scherchen, eines Hans Rosbaud, eines Heinrich Strobel fort. „Erfüllung“ nennt Gielen, dass er für mehr als ein Jahrzehnt Chef des SWR-Sinfonieorchesters war – jenes Klangkörpers, der die Geschicke der Avantgarde ganz wesentlich mit bestimmte, nicht nur in Donaueschingen.

Wenn Gielen sein Buch „Unbedingt Musik“ betitelt, dann meint er das wörtlich. Denn ohne Denken geht nichts, das zeigt die Musik seiner Generation, zeigen Boulez, Stockhausen, Maderna, Ligeti, Nono, Bernd Alois Zimmermann, deren Werke er uraufführte. Hart daneben stehen in seinem Repertoire Beethoven und Mahler, durch neues kompositorisches Denken stets neu bewegt, neu nach-geschöpft. Dafür steht Gielen, der Leuchtturm.

Viele konnten sich an ihm orientieren, konnten ihren Weg differenziert wählen, weil er vorgemacht hat, dass es in der Musik keine Klassenunterschiede gibt, ja geben darf – zwischen alt und neu, zwischen schön und bizarr. In diesem Sinne ist Michael Gielen immer Arnold Schönberg treu geblieben, seinem Idol. Kulinariker können mit Gielen wenig anfangen. Auch war er nie ein Mann der großen Emotion oder der musikalisch-subjektiven Offenbarung. Neidlos erkennt er so neben sich Genies wie Carlos Kleiber, den Jugendfreund aus der frühen Zeit als Korrepetitor am Teatro Colon in Buenos Aires. Gielen interessiert die musikalische Erkenntnis. Das Ereignis Musik geschieht bei ihm im Kopf. Das trug ihm den Ruf der Kühle ein, und so wurde er nie zum Pultstar.

Bei der Interpretation Neuer Musik (seit Schönberg) geht er genau umgekehrt vor: Er nimmt die Ratio für das Konzept, sucht diese aber nun durch Intensität emotional zu wecken und damit dem Hörer die verwegensten Klangkonstellationen als sinnvoll, ja als schön erfahren zu lassen. Vielleicht ist das überhaupt seine Lebensleistung: Dass er das Progressive des Schönen und die Schönheit des Progressiven erschlossen hat. Und das kann vielleicht wirklich nur einer, der dirigiert und komponiert – ganz wie Furtwängler, die deutsche Ikone.

Ein Phänomen wie Gielen indes kommt nicht von ungefähr. Die halb-jüdische Herkunft, der legendäre Pianist Eduard Steuermann ist sein Onkel, der Vater Regisseur und später Direktor des Wiener Burgtheaters, die Mutter Schauspielerin, Kindheit und Jugend in der Kunststadt Dresden – all dies gipfelt in einer fulminanten Begabung. Mit 19 im südamerikanischen Exil spielt der junge Gielen modellhaft das gesamte Klavierwerk Schönbergs. Große Vorbilder sind die Dirigenten Erich Kleiber und Dimitri Mitropoulos. Sein Weg führt über Wien und Salzburg, Stockholm, Köln, Brüssel und Amsterdam nach Frankfurt, wo er für zehn Jahre der spektakuläre Opernchef der Ära Klaus Zehelein wird, mit Regisseuren wie Hans Neuenfels und der Berghaus – sozusagen deren musikalischer Häuptling, aber auch das musikalische Gewissen einer Anti-Oper-Zelle („Keine Kompromisse mit den Spießern!“).

Dennoch bleibt Gielen ein Mann für Kenner und Insider. Seine Publizität und Popularität halten sich in Grenzen. Und niemand kommt um seine Perfektion, seine Kompromisslosigkeit herum – an seiner Lesart von Schönbergs „Moses und Aron“ etwa haben sich alle zu messen. Wenn man das Werk verstehen will, braucht man Gielen. Erleben konnte man es schon bei Rosbaud.

Später hat Michael Gielen sich schrittweise und perfekt sachlich von der Übermacht des Regietheaters in der Oper wieder distanziert: Weil dessen szenische Vision zumeist nicht mehr auf der Höhe des musikalischen Kunstwerkes blieb – von Ausnahmen abgesehen. Gielen aber hat die Bewegung mitgetragen, damit sich etwas tut in der Musik und in der Gesellschaft. Seine Verbundenheit mit dem Gedankengut Adornos hat das gleichsam von ihm verlangt.

Michael Gielen, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, hat im wahrsten Wortsinne Geschichte gemacht. Dadurch dass er Musik als geistigen, ja als politischen Raum postuliert, indem er Musik „unbedingt“ benutzt, kreiert, offenbart. Eine höchst spezielle Diskographie legt davon Zeugnis ab: der ganze Beethoven, der ganze Mahler, legendäre Dokumente der Avantgarde wie Zimmermanns „Soldaten“ (die er 1965 uraufführte) oder dessen „Requiem für einen jungen Dichter“, auch die großen Werke György Ligetis aus den sechziger Jahren. Einige wenige eigene Kompositionen sind ebenfalls dabei, leider nicht seine frühen George-Lieder. Auch hier hört man, was Gielen von Schönberg lernte: Wahres Erleben wächst immer aus dem Verstehen.

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