Klassik : Herzgewächse

Die Mezzosopranistin Magdalena Kozena hatte in dieser Woche ihren ersten Berlin-Auftritt nach der ärztlich verordneten Zwangspause.

Frederik Hanssen

Sie sollte der Star bei der Henze-Uraufführung Anfang September an der Berliner Staatsoper sein, der Komponist hatte ihr die Rolle der Phädra auf den Leib geschrieben – dann aber musste Magdalena Kozena krankheitsbedingt absagen. So wird die tschechische Mezzosopranistin erst wieder im April 2008 Unter den Linden zu erleben sein, in Debussys „Pelléas et Mélisande“, mit ihrem Lebenspartner Simon Rattle am Pult. Gemeinsam mit dem Philharmoniker-Chef ist sie hier auch für die Wiederentdeckung von Emanuel Chabriers feingeistiger Musikkomödie „L’Etoile“ 2010 engagiert.

Ihren ersten Berlin-Auftritt nach der ärztlich verordneten Zwangspause aber hat die 34-jährige Sängerin bereits an diesem Mittwoch mit dem Athenäum-Quartett: Im Kammermusiksaal der Philharmonie singt sie Ottorino Respighis Vertonung von Shelleys Gedicht „The Sunset“ – noble Art-déco-Musik von 1914, die sich in ein exquisites Programm mit Giuseppe Verdis selten zu hörendem Streichquartett und einem neuen Werk von Joel Hoffman einfügt.

Wie weit sich Magdalena Kozenas künstlerischer Horizont spannt, zeigt auch ihre neueste CD mit Händel-Arien. Was Timbre und Temperament betrifft, mag sie die Antipodin von Cecilia Bartoli sein – auf ihre Art aber ist Kozena ebenso ausdrucksstark wie ihre Mezzosopran- Kollegin. „Ah! mio cor“ lautet der Titel des Albums – Ach, mein Herz –, und in der Tat reißt sie sich hier in jeder Szene die Brust auf, stürzt sich in die barocken Affekte, scheut nicht vor hässlichen Tönen zurück, wenn die dramatischen Extremsituationen es verlangen, faucht, schreit und schluchzt, zeigt virtuose Wut, jubelt hinreißend, versinkt in tiefer, introvertierter Trauer.

Andrea Marcon und sein Venice Baroque Orchestra sind Magdalena Kozena dabei nicht nur Begleiter, sondern echte Partner, die mit plastischem, feurigen Spiel den Boden bereiten für packende Charakterstudien (Deutsche Grammophon). Frederik Hanssen

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