Klassik : Kämpferherz

Vladimir Ashkenazy hat das Berliner Musikleben maßgeblich beeinflusst. Zum 70. Geburtstag des Dirigenten.

Elmar Weingarten
Vladimir Ashkenazy
Vladimir Ashkenazy. -Foto: dpa

Die zehn Jahre, in denen Vladimir Ashkenazy als Chef des Deutschen Symphonie- Orchesters (DSO) das Berliner Musikleben mitgeprägt hat, begannen 1989 mit einem großen politischen Paukenschlag. Endlich war das kommunistische System zusammengebrochen, das für ihn die Inkarnation des Nicht-Menschlichen war. Schon 1963 hatte er sich davongemacht, seine Heimat im Westen gefunden. Hier wurde er ein kosmopolitischer Weltbürger, weiter als Russe geprägt von leidenschaftlicher Kampfbereitschaft, die sich auf alles, was ihn umgibt, beziehen kann, aber jeden Tag neu auf die Musik gerichtet ist, für die er kämpft.

Vladimir Ashkenazys Karriere begann fulminant und nicht untypisch. Mit 18 schickte man den Tastenvirtuosen nach Warschau, er wird Zweiter beim Chopin- Wettbewerb. Im Jahr darauf, 1956, stellt er sich der Jury des Reine-Elisabeth-Wettbewerbs und gewinnt diesen wie 1962 auch den Tschaikowsky-Wettbewerb. Dabei waren die Vorzeichen für eine Pianistenkarriere keineswegs besonders günstig. Physisch, so Ashkenazy, sei er für das Klavierspiel eigentlich gar nicht geschaffen. Ein unbeugsamer Wille, eine nie versiegende Energie und sein nie erlahmendes Arbeitsethos haben ihn dennoch alle manuellen Schwierigkeiten überwinden lassen. Er wurde zu einem der großen, auch wegen seiner Technik bewunderten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Die musikalischen Landschaften, die er sich dabei erschloss, scheinen schier unendlich: Mozart, Beethoven, Bartok, Prokofieff, Rachmaninoff, Chopin, Schumann und, spät, Schostakowitsch. Zuletzt überraschte er mit einer unkonventionell ausgeleuchteten Interpretation von Bachs Wohltemperiertem Klavier, um das er zeitlebens respektvoll einen Bogen gemacht hatte.

Die Hinwendung zum Dirigieren war für Ashkenazy die zwangsläufige Abrundung einer kompletten Musikerexistenz. In Berlin sind ihm herrliche Interpretationen der großen symphonischen Werke gelungen, insbesondere der Russen, aber auch der Symphonien von Mahler (bei dem ihn die Wunderhornjahre besonders faszinierten) und von Jean Sibelius. Ashkenazys Arbeit mit Orchestern ist gekennzeichnet von Bescheidenheit und dem tiefen Respekt des Instrumentalisten vor der Leistung seiner Musiker. Diese wiederum wissen seine herzliche Aufgeschlossenheit hoch zu schätzen. Beim DSO und demnächst auch bei den Philharmonikern in Berlin.

Der Autor war von 1990 bis 1996 Intendant des RSO (heute DSO) und ist derzeit Kurator des Hauptstadtkulturfonds. Im Herbst übernimmt er die Intendanz des Zürcher Tonhalle-Orchesters.

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