Klassik : Messerscharf

Kraftakt für die Berliner Philharmoniker: Die Uraufführung von Magnus Lindbergs Auftragswerk "Seht die Sonne" und Mahlers Neunte im Doppel.

Christiane Peitz

Ein Kraftakt von einem Konzert ist das. Die Uraufführung von Magnus Lindbergs Auftragswerk „Seht die Sonne“ und Mahlers Neunte im Doppel, das bedeutet für die Musiker schon physisch die Herausforderung eines zweifachen Gipfelsturms. Fast ein bisschen viel Testosteron. Als hätten die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle es nötig, sich zum 125. Geburtstag zu beweisen, dass sie die Champions sind. Aber sie sind es ja. Die symphonische Dichtung des Finnen, deren Titel den Schlusschor von Schönbergs „Gurreliedern“ zitiert, bündelt rasch wechselnde, auch an Debussy gemahnende Atmosphärenmusiken zum Kaleidoskop.

Lindberg verschafft jeder Instrumentengruppe ihren Auftritt, vom einleitenden Hörner-Hymnus auf sattem Klangteppich über plappernde Flöten und das von Sforzati durchzuckte Stimmengewirr der Streicher bis zur energischen Cello-Kadenz von Ludwig Quandt. Schaut auf dieses Orchester, sagt die Musik. Und wird immer schneller. Metropolenlärm, Festgewühl, Schlachtengetümmel – der Sound großer Menschenmengen.

Aufruhr herrscht auch bei Mahler. Rattle treibt die Neunte an die Schmerzgrenze, legt schon in den tastend-versprengten Eingangsmotiven äußerste Anspannung an den Tag, forciert Dynamik und Tempo, so dass man zunächst denkt: Das geht nicht, das ist viel zu wach, viel zu irdisch, viel zu viel. Die Geiger pressen ihre Bögen mit Hochdruck auf die Saiten, die Bläser übertrumpfen einander mit höchster Intensität, allein den Auftakt zum derben Ländlerthema im zweiten Satz retardiert Rattle zur Slowmotion-Groteske. Ein Mahler mit Mut zur Hässlichkeit – als stünde das Derbe nicht bereits in den Satztiteln. Dem himmlischen, selbstvergessenen Mahler erliegt Rattle nicht. Der Zauber am Ende des Eröffnungssatzes, er kann ihn nur Schlag für Schlag durchbuchstabieren.

Das Übertriebene, Vergebliche, die Gewalt, die alle Harmonie deformiert: Ist solche Kenntlichmachung Mahlers ein Statement zum Jubiläum, zu dem sich die Philharmoniker ihrer NS-Geschichte stellen? Der Anblick der Fotos in der Foyer-Ausstellung des Scharounbaus, die Bilder von Furtwängler am Pult der alten Philharmonie mit Goebbels und Co. im Publikum geistern einem nach der Pause durch den Kopf. Oder ist’s eine Zwischenbilanz von Simon Rattle, der vor fünf Jahren sein Chefdirigenten-Amt antrat? Will er zum Wesenskern des Symphonischen vordringen, auch wenn es auf dem Weg dorthin verdammt ungemütlich wird? Ein lohnendes Experiment: Das Schrille der Neunten, die sich als Symphonie ja selbst für unmöglich erklärt, hört man selten so unerbittlich, so messerscharf.

Zum Höhepunkt des Abends wird der Schluss der Rondo-Burleske, die beim Mahler-Marathon der Staatskapelle im Mai unter Barenboim geradezu brav geklungen hatte. Rattle beschleunigt bereits atemberaubend früh (viel früher als Abbado), überschreitet jedes Tempolimit und steigert den Aufruhr ins Chaos. Wie Rattles Gesicht verzerrt sich Mahler zur Fratze mit bleckenden Zähnen, zum Wahnsinn, zum Schrei. Die anschließende Sehnsuchtsmelodie des Adagios dirigiert er attaca – ein nur noch schöner und vor lauter Erregung obendrein verrutschter Effekt. Aber die Sekundenstille dazwischen vergisst man nicht mehr. Christiane Peitz

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