Klassische Musik : Alle Hände voll zu tun

Die Pianisten Konstantin Scherbakov und Gianluca Luisi spielen sämtliche Beethoven-Symphonien auf Schloss Neuhardenberg.

Carsten Niemann

Franz Liszts Klaviertranskriptionen der Symphonien Beethovens sind ein Monument für sich. Die 1837 begonnene und 1865 vollständig veröffentlichte Reihe ist nicht nur Zeugnis der Aneignung und Auseinandersetzung mit dem Werk des kultisch verehrten Meisters; sie sollte auch Beethovens Hauptwerke einem großen Kreis von Musikliebhabern zugänglich machen.

Doch die Treue zum Original, die sich Liszt dabei auferlegte, drängt seine Bearbeitungen heute in die Rolle des Kuriosums: Warum sollte man im Zeitalter der massenhaften Reproduzierbarkeit von Kunstwerk und Aufführung Hand an diese technisch keinesfalls geschmeidigen Brocken legen? Warum vollgriffige Akkordmassen stemmen und in aberwitzigem Tempo haklige Motivketten über die volle Tastatur spannen im Dienste eines Originals, das jede CD getreuer abzubilden vermag? Praktische Antwort auf diese Fragen haben die Pianisten Konstantin Scherbakov und Gianluca Luisi auf Einladung der Stiftung Schloss Neuhardenberg gegeben. In der Schinkel-Kirche präsentierten sie alle neun Beethoven-Symphonien am Klavier.

Es ist eine Veranstaltung, die mit Marathonkonzerten und Langen Nächten nichts zu tun hat. Die Frequenz der Konzerte erlaubt ausgedehnte kontemplative Spaziergänge in der Natur und im Park der Schlossanlage; Natur und Architektur verweisen dabei in poetischer Weise auf die Ästhetik der Entstehungszeit der Symphonien. Beste Voraussetzungen, um sich der Aufgabe zu stellen, die Lizsts Bearbeitungen dem heutigen Hörer bieten: nämlich der, das Bild der Symphonien, das sich in klaren Konturen, lebendigen Schwarz-Weiß- und Grautönen auftut, im Geiste zu vollenden.

Man merkt es an den mitwippenden Köpfen, den mitzuckenden Fingern, an den erstaunten Feststellungen über die gefühlte Kürze der fünf Konzerte: Hier wird hörend mitmusiziert. Die Allgegenwärtigkeit von Beethovens Werk und seinen Interpretationen, die im gewöhnlichen Konzertleben nicht selten zu verzweifelter Profilierungssucht der Interpreten wie Übersättigung der Hörer führt, wird zum Vorteil: Urplötzlich einer Klangdimension beraubt, ergänzt der Geist fast selbsttätig Klangfarben, übersetzt Klavierfigurationen in die Orchestersprache und macht selbst ungeübte Hörer zu Mitschaffenden.

Scherbakov und Luisi, nach jeder Symphonie enthusiastisch gefeiert, liefern mehr als eine bloß solide Grundlage für dieses Vergnügen. Gianluca Luisi, der die Symphonien Nr. 4 und 8 übernommen hat, ist der elegantere und genauere unter den beiden Pianisten, sein dramatischer Impetus ist allerdings weniger ausgeprägt als der Scherbakovs. Vollgriffige Passagen liefert Luisi schon mal kaltblütig-virtuos wie eine Etüde ab, während sein kontrapunktisches Spiel den ebenso erfahrenen wie leichtfüßigen Bachinterpreten verrät. In den Symphonien Nr. 3 und 6, die er mit Scherbakov in der vierhändigen Version an zwei Klavieren darbietet, präsentiert sich Luisi als feinfühliger Kammermusikpartner.

Im Duett entgehen beide Pianisten der sonst spürbaren Tendenz, schnell in ein nicht mehr differenzierbares Fortissimo zu fallen, anstatt die Dynamik stärker aus dem Pianissimo zu entwickeln. Scherbakov, der bereits durch die Gesamtaufnahme der Transkriptionen bei Naxos auf sich aufmerksam gemacht hat, fesselt mit seinem physisch präsenten, martialisch-kraftvollen Zugriff, durch deutlich konturierte, ausgesungenen Kantilenen und klare dynamische Kontraste. Während sein Mut zum beherzten Tempo in der 7. Symphonie zu rumpeligen Übergängen führt, gelingt ihm mit der abschließenden 9. Symphonie eine luzide Lesart in metallisch glänzenden Tönen.

Danach ist es an Uri Caine, die Besucher aus Konzentration und Kontemplation zurück in die Gegenwart zu führen: Wie ein genialisches hyperaktives Kind blättert sich der Crossover-Künstler durch die Symphonien. Er belässt es nicht dabei, die beliebtesten Klingeltöne des Bonner Titanen zu „verjazzen“, sondern zeichnet ganze Satzverläufe nach: Neben den Hauptthemen erweist er auch Gegenmotiven, charakeristischen Modulationen und Störmomenten seine Referenz. Und auch wenn es inmitten seiner lustvoll überdrehten Virtuosengesten bisweilen zu motivischem Leerlauf kommt, bringt er zum Ausdruck, was Beethoven zu komponieren vergaß: „Heitere Gefühle beim Abschied vom Lande.“

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