Klassische Musik : Bratschen, Blech und Bambusflöten

Die Fernosterweiterung Europas hat Tradition bei Young Euro Classic. Zur Eröffnung der 9. Ausgabe des Jugendorchesterfestivals bringt die Philharmonia Moments Musicaux ihren Namen zum Klingen und spielt Lai Deh-Hos "Moments Musicaux".

Christiane Peitz

Die Bambusflöte spielt nur ein paar Töne, und schon sieht man sie vor sich: Gebirgspanoramen, Felsenschluchten, ferne Welt. Wer ruft da ins Konzerthaus hinein? Vergessen die wenig inspirierenden Ansprachen von Berlins Integrationssenatorin Heidi Knake-Werner, Hans-Reiner Schröder für den Sponsor BMW und Willi Steul vom Freundeskreis europäischer Jugendorchester, der das Studentenorchester aus Taipeh immerhin mit einer chinesischen Begrüßung erheitert. Zur Eröffnung der 9. Ausgabe des Jugendorchesterfestivals Young Euro Classic bringt die Philharmonia Moments Musicaux ihren Namen zum Klingen und spielt Lai Deh-Hos „Moments Musicaux“. Das Konzert für Pipa, Bambusflöten und Kammerorchester versammelt Augenblicke der Koinzidenz: von westlicher Orchesterkultur und asiatischer Volksmusik, von Archaik und Neutönern, Inselgefühl und Festlandnahme.

Lautenspieler Hsi-Jong Wang vollführt Fingerspitzentänze auf der Pipa, Flötist Chung-Sheng Chen verblüfft mit Atemluftnummern und virtuoser Flatterzunge. Das Orchester bettet die Heimatklänge in dichte Gewebe aus aufsteigenden Quinten, flirrende Atmosphären oder impressionistisch zarte Meditation. Diese gemäßigte Moderne kennt viele Disziplinen, ist plastisch, vital und bestens gelaunt – angetrieben vom Drive der Crescendi. Der Westen, so nah.

Die Fernosterweiterung Europas hat Tradition bei Young Euro Classic. Der aktuelle China-Boom spielt also kaum eine Rolle, wenn die chinesisch-deutsche Orchesterakademie nun zum dritten Mal zusammenkommt und der Weg vom Okzident zum Orient erstmals auch nach Taiwan führt. Oder, diplomatisch korrekt, nach Chinese Taipei, wie das von der Volksrepublik nicht als unabhängig anerkannte Land offiziell heißt. Die neue Festivalhymne stammt wiederum von Guhohui Ye aus Schanghai, Gewinner des Festival-Komponistenpreises 2007. Die Blechbläser der Philharmonia intonieren sie vom Balkon neben der Orgel. Ein einziger Ton, minimalistisch umspielt, fächert sich zur Terz auf: Präludium zum Appell.

China ist die Zukunft. Auch die Zukunft der Musikwelt? An diesem Abend kann man sie wieder sehen: die perfektionierte Klassikliebe, die hochkultivierte Spieltechnik, die von Dirigent Ching-Po Chiang mit tänzerischer Eleganz klug kanalisierte Energie. Im Falle von Taiwan ist die Zukunft außerdem weiblich. Nur wenige Männer finden sich auf dem Podium, an den Kontrabässen stehen ausnahmslos junge Frauen, auch die große Pauke wird von einer kleinen Studentin geschlagen. Schlagzeug ist Männersache? Man reibt sich die Augen ob des eigenen Ressentiments.

Nach der Pause Mahlers Fünfte, dieses Monstrum von Sinfonie. Weinende Celli, satte Bratschen, makellose Horn-Soli, kecke Klarinetten, volle Kraft voraus: Mahler goes Hollywood. Und doch vermisst man in diesem überlangen Melodram bei allem Respekt die Risikofreudigkeit. Sicher lenkt Ching-Po Chiang das Orchester über alle Klippen der Partitur, differenziert aber die Dynamik nicht aus, wagt kaum den Wahnsinn oder Entrücktheit. Das Adagietto: zu laut, das Rondo-Finale: mit ordentlich organisiertem Durchbruch. Dem Walzer im Scherzo hört man die Tanzschule an.

Beim anschließenden Empfang vibriert der Ludwig-van-Beethoven-Saal vor Energie. An den Armen der jungen Musikerinnen baumeln Digitalkameras, man fotografiert sich gegenseitig, wirbelt durchs Haus. Die Gipfelbesteigung von eben ist ihnen nicht anzumerken. Christiane Peitz

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