Klassische Musik : Gold des Südens

Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle glänzen in Aix-en-Provence mit Wagners "Siegfried" - sie klingen wie flüssiges Gold.

Frederik Hanssen
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Willard White als Wotan -Foto: AFP

Das wahre Festival von Aix-en-Provence findet auf der Straße statt. Weil die ganze Stadt selber ein Gesamtkunstwerk ist, eine Sinfonie aus Licht, Gerüchen und Geräuschen. In den mittelalterlichen Gassen lässt man sich treiben, irgendwo läuten Glocken, der Blumenmarkt vor dem Hotel de Ville berauscht mit Farben und Düften, ein paar Schritte weiter leuchten Obststände, vor 100 Jahren hat sich hier Cézanne inspirieren lassen. Zwischen buckeligem Kopfsteinpflaster rinnt Wasser, in einer Ecke riecht es nach Weihrauch. Abends vergoldet das südliche Licht die Sandsteinfassaden, auf den Plätzen plätschern Brunnen, rauschen Platanen.

Plötzlich Kinderstimmen, die einen Bach-Choral singen. Nach wenigen Takten wird er von karibischen Rhythmen überspült, dann kippt die Musik ins Jazzige. Auf dem Cours Mirabeau, der 1695 angelegten Prachtstraße, geben 600 Schüler ein Multikulti-Freiluftkonzert für Flaneure. Es ist die offizielle Eröffnung der 60. Festspiele von Aix. „Begegnungen“ lautet das Motto in diesem Jahr, was weniger wohlfeil ist als es klingt, denn Intendant Bernard Fouccroulle müht sich, über das übliche Maß der internationalen Koproduktions-Maschinerie hinaus den interkulturellen Dialog anzustoßen.

1948 wurde eine Liebhaber-Aufführung von „Così fan tutte“ im Innenhof des Palais de l’Archeveché zum Gründungsakt des heute so hochnoblen Festivals. Keinen Geringeren als Abbas Kiarostami hat in diesem Jahr Fouccroule mit der Inszenierung von Mozarts Partnertausch-Oper betraut. Der iranische Filmemacher gibt am Freitag damit sein Debüt als Musiktheater-Regisseur. Peter Sellars’ Vision von Mozarts „Zaide“-Fragment kommt von den Wiener Festwochen, Händels „Belshazzar“ von der Berliner Staatsoper, bei Pascal Dusapin wurde eine neue Oper in Auftrag gegeben. Die Académie Européenne de Musique, das Förderprogramm für junge Künstler, feiert zehnjähriges Bestehen, die Jugendarbeit wird weiter ausgebaut.

Als Hauptgeschenk zum Sechzigsten aber hat das Festival Wagners „Ring des Nibelungen“ spendiert, dargeboten von Simon Rattle und seinen Philharmonikern. Vier Sommer lang leistet man sich die Berliner als Residenz-Orchester – flankiert werden die Opernabende von Sinfonie- und Kammermusikkonzerten – und natürlich haben die Philharmoniker auch ihren begehrtesten Exportartikel mitgebracht: Im Rahmen des Education-Programms sollten diesmal französische Kids die eigene Kreativität entdecken.

45 Millionen Euro haben sich Stadt und Region anlässlich des „Ring“-Projekts ein neues Theater kosten lassen. Das „Rheingold“ fand noch open air im Bischofspalast statt. 2007 wurde die Bühne mit Ach und Krach zur „Walküre“ fertig. Nach einigen Nachbesserungen vor allem im akustischen Bereich präsentierte sich das 1400-Plätze-Haus in diesem Jahr zum „Siegfried“ voll funktionsfähig. Vier Mal wird der dritte Teil der Tetralogie in der Inszenierung von Stéphane Braunschweig in Aix gezeigt, zu Sonderpreisen von bis zu 350 Euro, zwei weitere Aufführungen wird es bei den Salzburger Osterfestspielen 2009 geben.

Lag es nun daran, dass Simon Rattle am Tag der Premiere zum vierten Mal Vater wurde – seine dritte Frau, die Mezzosopranistin Magdalena Kozena, brachte in einem Krankenhaus in Aix am Vormittag einen gesunden Milos zur Welt –, dass der erste Akt noch besser gelang als bei der Voraufführung in Berlin am 12. Juni? Der Philharmoniker-Chef jedenfalls schien euphorisiert, fand sofort den idealen Gestus für Wagners Musikdrama. Zu kopfgesteuert, ja gegen wahre Gefühle „imprägniert“ hatten die Rezensenten Rattles Interpretation in den ersten beiden „Ring“-Jahren genannt. Hier nun, in der modernen Maya-Pyramide des Grand Théatre de Provence, in dessen klimatisiertem Saal nur das Rauschen der Klimaanlage an die 34 Grad Hitze draußen gemahnt, wird das Orchester zum Spielmacher. Ein mitdenkendes, aufmerksames Ensemble, das blitzschnell reagiert.

„Siegfried“ ist eine Folge von Dialogen und Duellen. Bis der Tenor und die wach geküsste Brünnhilde (Katarina Dalayman) nach sechs Stunden „leuchtende Liebe, lachender Tod“ jubeln, haben hier Götter, Gnome und Menschen aufeinander eingeredet, ohne sich zu verstehen. Konsequenter verfolgte Richard Wagner seine utopische Idee, die Oper nach dem Vorbild des Schauspiels zu dialogisieren, wohl nie. Darum gilt der „Siegfried“ selbst unter glühenden Wagnerianern als Grießbreiberg, durch den man durch muss, um ins Schlaraffenland der „Götterdämmerung“ zu gelangen.

Zwiegespräche ersetzen hier weitgehend die Handlung, dazu blättert das Orchester die ganze Palette der Leitmotive auf, mischt sich ein, indem Ungesagtes und Unsagbares als Klangkommentar aus dem Graben geliefert werden. So sehr der Komponist spürte, dass sich das Entscheidende nur in der Musik sagen lässt, so fest war er davon überzeigt, dass diese Musik einen Auslöser braucht, einen Text eben. Darum deutete er seine geliebten Beethoven-Sinfonien als „unendliche Melodien“, darum konnten nur die Musikdramen sein Sprachrohr werden.

Simon Rattle geht ganz pragmatisch-eigennützig mit diesem Dilemma um: Er macht seine Musiker zu Protagonisten und hilft gleichzeitig den Sängern, indem er auf flüssiges Parlando setzt. Selten hat man so textverständliche Solisten bei Wagner erlebt: Ob Willard White als soignierter Wotan, ob Ben Heppner als Siegfried im Holzfällerhemd, ob der stumpf tönende Alberich von Dale Duesing oder Anna Larsons hoch gewachsene Erda, die Artikulation ist vorbildlich. Und doch bleiben die Figuren auf die Dauer blass, weil aus ihrer Deutlichkeit keine wirkliche Deutung folgt, weil ihre Stimmen aber auch überspült werden vom Klangfarbenrausch aus dem Orchestergraben.

Die Philharmoniker klingen wie flüssiges Gold, ob Streicher, ob Bläser, das schimmert und strahlt, glänzt und gleißt. Auch in der schnellsten Gangart wird dieser Sound nie schmal, sondern wirkt stets muskulös-durchtrainiert, von stupender Wendigkeit. Da kann oben auf der Bühne nur einer mithalten: Burkhard Ulrich, ein Mime mit 1000 verschiedenen Stimmen, ein charakterliches Chamäleon, changierend zwischen Giftzwerg und Gutmensch, ein Schauspieler auch, der andeutet, was szenisch möglich gewesen wäre. Stéphane Braunschweig aber, der Regisseur, der sich als sein eigener Ausstatter zwischen Schiebewänden einmauert, ist ein Geschichten-Bebilderer, der über keinerlei Fähigkeit zur Personenführung gebietet. Außer Burkhard Ulrich bewegen sich auf der Bühne darum nichts weiter als die Funken der Videoprojektionen.

Infos unter: www.festival-aix.com

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