Klassische Musik : Rasenstück

Philippe Jordan mit der Staatskapelle Berlin und die große Sopranistin Anne Schwanewilms "durchleuchten" Gustav Mahler.

Sybill Mahlke

Es fällt schwer, das Adagio der unvollendeten Symphonie Nr. 10 von Gustav Mahler nicht als Weltabschied, als Andachtsstück zu empfinden. Die selige Bratschenmelodie des Beginns, dieser Monolog wie von fern herüberwehend, lädt zu solchem Hören ein. Und doch ist er ein Aufbruch ins Neue, Unerhörte, kein letztes Wort, da Skizzen zu den weiteren vier Sätzen vorliegen. So gesehen, bekommt dieser Kopfsatz einer geplanten Symphonie einen Zug ins Weite, Offene, wenn Philippe Jordan mit der Staatskapelle Berlin die Konstruktion des Melodiebaus durchleuchtet. Es sind die Einzelstimmen in der Polyphonie, die revolutionären Farben des Orchesterklangs, das Monumentale, Gewaltige der Dissonanz und die Feinheit des Versinkens, die der junge Dirigent souverän in die Großform einbindet: der ganze Mahler, auch der „Tristan“-Dirigent Mahler.

Als Juwel des Konzerts glänzt eine Auswahl von Mahler-Liedern „Aus des Knaben Wunderhorn“ in der Interpretation der großen Sopranistin Anne Schwanewilms. Der herzliche Beifall bekundet, dass ihre Fans aus der Oper auch beim Konzert in der Philharmonie versammelt sind. Allein die Differenzierung des Tempos im „Rheinlegendchen“ zeigt die Stimme jeder Nuance fähig, während in dem Lied „Das irdische Leben“ die Katastrophe des Kindestodes eher sublimiert wird. Das erstaunt, denn was der Liedgestalterin Schwanewilms tatsächlich an Expression möglich ist, hat weiten Radius. Es reicht von der krassen Eselskarikatur im „Lob des hohen Verstandes“ bis zu den zartesten Schwingungen in dem Pianissimo-Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“. Die Atemtechnik der Sängerin erlaubt ihre erlesene Phrasierung: „Das ist der Herzallerliebste dein“ bis zu seinem „Haus von grünem Rasen“. In der Sinfonietta Janámeks spielt die Staatskapelle unter Jordan, dem principal guest conductor der Lindenoper, zündend auf: blechgepanzert, aber auch lieblicher Empfindung voll. Sybill Mahlke

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