Klassische Musik : Wir Morgenmenschen

Sie sind das Herzstück der Philharmoniker: Das Scharoun Ensemble sucht seit 25 Jahren neue Töne. Die Truppe hat sich von Anfang an auch politisch engagiert.

Frederik Hanssen

Mit zwölf Jahren wollte Peter Riegelbauer nur eines: in einer Band spielen. Darum zögerte er nicht lange, als sein Musiklehrer jemanden für das Schulorchester suchte, der Kontrabass spielen wollte. Da er einer der Größten seines Jahrgangs war, wurde er angesprochen. Der vielversprechende Anfang einer Doppelkarriere: Denn kaum hatte Peter Riegelbauer sich die Grundlagen der Spieltechnik auf seinem mannshohen Streichinstrument erarbeitet, schnappte er sich auch einen E-Bass und rockte los. Das war Mitte der Siebziger im bayerischen Städtchen Georgensgmünd.

Auch wenn sich Peter Riegelbauer nach dem Abi dann doch für die Klassik entschied, an der Nürnberger Musikhochschule aufgenommen wurde, und schließlich, am 8. Januar 1981, seinem 25. Geburtstag, das Probespiel bei den Berliner Philharmonikern bestand, ist er immer ein Musiker mit außergewöhnlich weitem Horizont geblieben. Die ganz und gar auf Herbert von Karajan eingeschworene Elitetruppe in der Mauerstadt erschien dem jungen Kontrabassisten darum am Anfang als fremde, hermetische Welt. Ein altehrwürdiges „Institut“, wie Karajan gerne sagte, mit ebenso ehrwürdigen Instrumentalisten. Sicher, unter dem Megamaestro zu spielen faszinierte ihn, doch es war auch eine bleierne Zeit, das hässliche, stürmische Ende der langen Beziehung zwischen Karajan und dem Orchester kündigte sich bereits an. Kein Wunder, dass Peter Riegelbauer an seinem neuen Arbeitsplatz nach Gleichgesinnten suchte und sich schnell mit den anderen jungen Musikern der Philharmoniker zusammenfand, um Kammermusik zu machen. Mit der Geigerin Madeleine Carruzzo zum Beispiel, die kurz nach ihm als erste Frau überhaupt seit der Orchestergründung 1882 aufgenommen worden war, und mit dem Hornisten Stefan de Leval Jezierski, der seine Frau, die Cellistin Nella Hunkins, gleich mitbrachte, weil keiner der distinguierten Herren aus der Cello-Gruppe Interesse an dem Newcomerprojekt zeigte.

Das erste Stück, das sich die noch namenlose Formation auf die Pulte stellte, war Franz Schuberts Oktett F-Dur für Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass. Wochenlang vertieften sich die acht Musiker in die Noten, übten so lange, bis sie einen gemeinsamen Klang gefunden hatten, stritten leidenschaftlich über Interpretationsdetails. Denn eines war ihnen von Anfang an wichtig: Dass nicht hier ein Einziger das Sagen hat, sondern dass gemeinsam entschieden wird. Gelebte Basisdemokratie. Die kostet zwar Zeit und Nerven, doch das war es Peter Riegelbauer und seinen Mitstreitern wert. Riegelbauer selber hatte noch zu Studienzeiten zwei Kollektive mitbegründet, die heute in der Klassikszene wegen ihrer Freigeistigkeit weltberühmt sind: das Ensemble Modern und die Deutsche Kammerphilharmonie.

Kaum hatte das Oktett 1983 im halb privaten Rahmen seine ersten Auftritte absolviert, wurden die Berliner Konzertveranstalter hellhörig. Ein Name musste her. Dass sie damals nicht, wie üblich, einen Komponisten, sondern Hans Scharoun zum Namenspatron auserkoren, hat Peter Riegelbauer nie bereut: Denn der Architekt der Philharmonie steht für eine Offenheit, die das Scharoun-Ensemble seit nunmehr 25 Jahren auszeichnet. Sowohl was die Zahl der Mitspieler für die einzelnen Konzertprogramme angeht als auch bei der Wahl des Repertoires: Schuberts Oktett ist eine Konstante, oft haben sie Strawinskis „Geschichte vom Soldaten“ gemacht, in jüngster Zeit zumeist mit Dominik Horwitz als Gast. Loriot wiederum hat das Publikum über 40-mal als prominenter Erzähler in Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ entzückt.

Aber auch gesellschaftliches Engagement steht bei den Musikern hoch im Kurs: Ob Mitte der achtziger Jahre für die Alternative Liste im Wahlkampf, ob beim Friedenskonzert zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, ob für Greenpeace oder für IPPNW, Ärzte gegen den Atomkrieg, anhand der Liste der Benefizkonzerte ließe sich auch eine linke Geschichte der Bundesrepublik erzählen.

Dabei erwiesen sie sich immer wieder als Morgenmenschen: Mit geradezu gefräßiger Neugier probierten sie die unterschiedlichen Stile aus, mit aufstrebenden Komponisten wie Hans-Jürgen von Bose oder Matthias Pintscher entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit, Jörg Widmann oder Thomas Adès schrieben nicht nur Stücke für das Ensemble, sondern spielten auch selber als Instrumentalisten mit. „Erst seit ich selber Stücke von Hans-Werner Henze mit ihm gemeinsam erarbeitet habe, verstehe ich die älteren Kollegen, die immer mit leuchtenden Augen erzählten, sie hätten noch unter Hindemith persönlich dessen Werke gespielt“, sagt Riegelbauer. „Im direkten Dialog mit den Schöpfern erschließen sich die Werke wirklich viel besser. Was da bei den Proben erklärt wurde, vergisst man nie wieder.“

Als 1987 der von Scharoun entworfene Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie eröffnet wurde, kamen die ersten offiziellen Klänge natürlich vom Scharoun-Ensemble: „Schattenleben“, geschrieben von einem damals gerade angesagten Neutöner namens Ernst Bechert, war die musikalische Beigabe des Festakts. Abends folgte dann klassische Kulinarik mit Herbert von Karajan und Anne-Sophie Mutter, die Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ veredelten.

Ohne die permanente Entdeckerarbeit des Scharoun-Ensembles wären die Berliner Philharmoniker heute nicht das Orchester des 21. Jahrhunderts, als das sie weltweit gefeiert werden, zuletzt bei ihrem Gastspiel in New York im November 2007. Im Bereich der zeitgenössischen Musik animierten die Scharounisten immer wieder ihre Kollegen, sich ihnen anzuschließen. Das Ensemble funktionierte dabei wie eine Wohngemeinschaft, in der immer die coolsten Partys stattfinden: Man kam hier ganz ohne den Zwang eines von der Intendanz ausgedachten Programms in Kontakt mit lebenden Komponisten, wurde neugierig, wollte mehr wissen – und ging dann wiederum die Herausforderungen einer Uraufführung im Orchester lockerer an.

Dem bekennenden Klangabenteurer Simon Rattle, der schon 1991 mit dem Scharoun-Ensemble Schönbergs „Kammersinfonie“ aufgeführt hatte, kommt diese Pionierarbeit des progressiven Orchesterflügels heute in seinem Bemühen entgegen, das Repertoire als Philharmoniker-Chefdirigent um Ungewöhnliches zu erweitern. Und Pierre Boulez, der Altmeister der Avantgarde, war von einem Auftritt der Truppe beim Salzburger „Kontrapunkte“-Festival so angetan, dass er dem Scharoun-Ensemble zum 25. Geburtstag ein Konzert unter seiner Leitung schenkte: Am heutigen Freitag im Kammermusiksaal der Philharmonie dirigiert Boulez ganz bescheiden mal nicht eigene Werke, sondern lässt Anton Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg den Vortritt. Aus der Sicht des Scharoun-Ensembles ein Abend mit echten Klassikern.

Kammermusiksaal, heute, 20 Uhr.

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