Kolumne : Hey, Boss!

Vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Wahlkampfmaschinen geölt werden, brauchen unsere Politiker seelische Stärkung. Rainer Moritz empfiehlt deutsches Schlagergut gegen die Krise.

Rainer Moritz

Auch Politiker sind Menschen. Auch sie haben Gefühle, wenngleich sie vor laufender Kamera immer so tun müssen, als hätten sie diese im Griff. Vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Wahlkampfmaschinen geölt werden, brauchen sie seelische Stärkung. Schließlich sind es ja unsere politischen Denker und Lenker, die in Zeiten von Finanz- und sonstigen Krisen den gebeutelten Menschen Vertrauen einflößen sollen.

Da sie jedoch selbst an verlängerten Urlaubswochenenden kaum Muße finden, um Peter Sloterdijks eingängig betiteltes Werk „Du musst dein Leben ändern“ zu lesen, sei ihnen eine literarische Gattung empfohlen, die von alters her hilft, komplizierte Sachverhalte übersichtlicher zu gestalten: der gute alte deutsche Schlager. Von dessen unüberbietbaren Weisheiten wie „Abschied ist ein scharfes Schwert“ (Roger Whittaker) oder „Schwimmen lernt man im See“ (Manuela) können sich auch Politiker inspirieren lassen. Wer sich eingehender mit der Geschichte dieses Liedguts befasst, erkennt sofort sein wahlkämpferisches Potenzial.

Es muss ja nicht gleich der Rückgriff auf Gunter Gabriel sein, den Prototypen des proletarisch angehauchten Songwriters, der einst mit „Hey, Boss, ich brauch mehr Geld!“ bessere Bezahlung für Lohnabhängige forderte. Vielleicht tut es gut, sich an den Kölner Karnevalssänger Jupp Schmitz zu erinnern, der schon 1949 die Formel „Wer soll das bezahlen?“ prägte und veranschaulichte, dass billiges, schnell in die Finanzmärkte gepumptes Geld noch keinen zahlungsfähigen Konsumenten macht. Oder wie wäre es, verehrter Herr Steinbrück, wieder Brücken in die Schweiz zu schlagen, zum Hazy-Osterwald-Sextett? Dessen „Konjunktur Cha- Cha“ von 1960 eignet sich wunderbar dazu, geldgierigen Bankern die Leviten zu lesen, im Einverständnis mit den schlechter verdienenden Wählern: „Gehn Sie mit der Konjunktur! / Gehn Sie mit auf diese Tour! / Nehm’ Sie sich / Ihr Teil, sonst / schäm’ Sie sich / und später / gehn Sie nicht / zum großen Festbankett.“

Wahlkampf muss mit offenem Visier geführt werden. Alle, selbst Oskar Lafontaine, geben vor, den Menschen reinen Wein einschenken zu wollen. Zu knallhart freilich dürfen die Einschätzungen nicht sein. Wer am 27. September Prozente hinzugewinnen will, muss Hoffnung spenden und leicht verständliche Appelle formulieren. Warum nicht den zweifelnden Opel- und Karstadt-Mitarbeitern den Geier-Sturzflug-Hit „Wir steigern das Bruttosozialprodukt“ entgegenschmettern? Warum nicht wieder zu mehr Leistungsbereitschaft auffordern und, mit Ministerpräsident Oettinger als Leadsänger, den schwäbischen Klassiker „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ wiederbeleben? „Und wenn unser Häusle steht, / Dann gibt’s noch lang kei Ruh, / Ja, da spare mir, da spare mir / Für e Geißbock und e Kuh.“ So werden moderne Wahlkämpfe geführt, so geht es aufwärts mit Deutschland.

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