Konzert : Jenseits vom grünen Fluss

Norah Jones vergnügt in der Zitadelle Spandau und wirkt dabei entspannter, gelassener, konzentrierter und freier als früher.

H. P. Daniels
Norah Jones
Von einer anderen Seite: Norah Jones zeigt sich in Berlin als Gitarristin. -Foto: DAVIDS

BerlinUm halb acht, etliche Zuschauerplätze in der ausverkauften Spandauer Zitadelle sind noch unbesetzt, kommt als Vorprogramm der junge amerikanische Sänger und Gitarrist M. Ward, singt mit einer fast unscheinbaren Partnerin in Blue Jeans Roy Orbison, Johnny Cash, Townes Van Zandt. Makelloser Harmoniegesang im Stil der Everly Brothers. Unaufdringlich, lässig, gekonnt. Aber Moment mal! Hat man diese Frau nicht schon mal gesehen? Wo ihre Stimme gehört? Tatsächlich, das ist Norah Jones! Amerikas erfolgreichste Musikerin aller Zeiten, die in den letzten Jahren überschüttet wurde mit Grammys und anderen Auszeichnungen, ist sich nicht zu schade, eine Nebenrolle im eigenen Vorprogramm zu übernehmen. Sympathisch und ohne Allüren, einfach nur der Musik, der Songs wegen.

Eine halbe Stunde später kehrt sie zurück, im weißen Kleidchen diesmal, und verblüfft gleich noch einmal: die Pianistin spielt erst mal elektrische Gitarre, eine rote Fender Mustang, spielt sie gut, zerrig splitternd, und singt dazu ihren großen, als Piano-Ballade populär gewordenen Hit „Come Away With Me“. Danach sagt Jones, wolle sie ein paar Songs vom neuen Album singen: „Not Too Late“, dem gehässigere Naturen nachsagen, es sei ein Flop, weil es nach dem überwältigenden Erfolg von „Come Away With Me“ (2002) mit 20 Millionen verkauften Platten und dem Nachfolger „Feel Like Home“ (2004) mit 14 Millionen, jetzt „nur noch“ vier Millionen verkauft hat. Doch davon scheint sich die 28-Jährige nicht irritieren zu lassen. Die hübsche New Yorkerin wirkt entspannter, gelassener, konzentrierter, freier als bei früheren Auftritten. Die Songs kommen nicht mehr ganz so samtweich und glatt daher. „Thinking About You“ rockt funky zum klirrenden E-Piano. „Rosie’s Lullaby“ betört durch feinen Sechsachtel-Soul und exzellenten Harmoniegesang mit der formidablen Daru Oda, die auch Bass, Querflöte, Percussion spielt sowie ein Handbalg-Harmonium, das wie ein verhaltener Bläsersatz tönt. Trefflich verstehen es auch die übrigen Begleiter der Handsome Band im rechten Moment aufzudrehen, nicht zu lang, und sich rechtzeitig wieder zurückzunehmen. Sie könne nicht pfeifen, sagt Norah Jones zwischendrin kichernd: „Can you pfeifen?“ Auf die Unkenrufe von Neidern und Kritikern pfeift sie allemal.

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