Konzert : Kalte Lava

Vorhof zum Himmel: Alec Empire in Kreuzberg

Als Alec Empire seinen Wohnsitz vor anderthalb Jahren in seine Berliner Heimat zurückverlegte, ging das nicht ohne Lärm ab. In London sei nichts mehr los, tönte der 35-Jährige und meinte, die richtigen Leute müssten sich hier nur zusammentun, um der englischen 7,5-Millionen-Metropole den Rang als Pophauptstadt abzulaufen: „Wir übernehmen jetzt wieder.“ Dass da einer vielleicht einfach nur dorthin zurückwollte, wo er aufgewachsen war und sich am besten auskennt, kaschierte das Getöse geschickt. Krach machen und ihm einen Sinn geben, kann Empire am besten. Als Kopf von Atari Teenage Riot hat er Techno in ein politisiertes Scherbengericht verwandelt. Die Musik: unhörbar, aber effektiv. In Japan standen sie da besonders drauf.

Aber jeder musikalische Dissident will irgendwann hörbar machen, wovon er wirklich träumt. Empire hat sich diese Offenbarungen mit bemerkenswerten Soloprojekten wie „Low on Ice“ immer mal wieder erlaubt. Doch sein Auftritt im Festsaal Kreuzberg, wo er sein neues Album präsentiert, erstrahlt von Anbeginn im Gestus der Proklamation. Eine schwarze Silhouette in flackerndem Gegenlicht, so steht er da. Hinter ihm blitzt das Emblem auf – ein graphisch verfremdeter Tiefdruckwirbel mit vier Augen –, das seinen neuen Karriereabschnitt begleitet. Innere Regungen lässt Empire nicht erkennen.

Auch seine Stimme scheint sich von Ferne durch einen Schalltrichter zu quetschen. Dabei hat „The Golden Foretaste of Heaven“ nichts mehr mit den brachialen Elektrotrümmern früherer Tage zu tun. Nicht mehr lodernder Vulkan. Sondern erkaltete Lava. Songs wie „Ice“, womit Empire unterstützt von ATR-Keyboarderin Nic Endo das Konzert eröffnet, oder „1000 Eyes“, der es beschließt, sind verschatteter New Wave – Isolationsfantasien, mitleidlos heruntergeleiert.

„Du bist ein Insekt auf meiner Windschutzscheibe/ Ich will dich nicht“, lautet eines der merkwürdig irisierenden Bekenntnisse. Wahrscheinlich ist das Empire schon wieder viel zu privat. So kippt der Abend nach 30 Minuten in bratzend-dröhnendes Prozessorgestöhne. Und die Musik ist dahin. Kai Müller

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