Konzert : Milde Zeiten

Vorsicht, Klassik: Lou Reed führt im Berliner Tempodrom sein legendäres "Berlin"-Album auf.

Rüdiger Schaper
Lou Reed
Lou Reed im Tempodrom. -Foto: ddp

She says, hey babe, take a walk on the wild side ... War mal ein lustiger, versauter Song über Drag Queens, Drogen, Oralsex im Hinterzimmer etc. Und auch damals schon, 1972, eine Reminiszenz an Andy Warhols Factory und ihre verflossenen Helden. Lou Reed hatte mit dieser bassgestützten Ode an die Sinnenfreude seinen ersten und größten Solo-Hit, das von David Bowie produzierte Album „Transformer“ schien den früheren Frontmann von Velvet Underground als neuen Glam-Rock-Star zu inthronisieren. I said hey Joe, take a walk on the wild side ...

Jetzt aber festhalten, bitte! Es ist Viertel nach neun, Dienstagabend im Tempodrom, Lou Reed und seine Musiker greifen wieder zu den Instrumenten. Drei Zugaben, drei absolute Desiderate, präzise orchestriert, wie bei jedem Auftritt der Europatour, die in Berlin zu Ende geht. „Sweet Jane“, „Satellite of Love“ und – tja, der Gang nochmal ans andere Ufer.

Ein Mädchenchor, ein Dutzend Engelchen in blauen Messgewändern, stimmt an: Doo-Doo-Doo-Doo-Doo. Unfassbar. Onkel Lou erzählt von früher. So war das in den wilden Zeiten. Keine Spur von Trauer oder Ironie, der 65-Jährige in Jeans und T-Shirt verströmt Milde, so höflich wie nie, so gar nicht egozentrisch, er spielte doch immer gern das größte Arschloch im Rockzirkus. Was ist das denn? Die Girls steigern sich zu einem artigen Choral, himmlische Sphären schwingen, geben ihren Segen. Doo-Doo-Doo-Doo- Doo-Doo ... Das Publikum jubelt. Es ist vollbracht.

„Dankeschön! ,Berlin’ in Berlin!“, ruft Lou Reed in die Menge, dann ist er weg, der Mann mit dem Echsengesicht. Gemessen an der ephemeren Rockgeschichte, ist Lou Reed tatsächlich eine GalapagosSchildkröte. Er hat hier einen Brocken hingelegt, der sich als viel zu leicht erweist, oder auch zu schwer, man wird sehen. „Berlin“, eines der finstersten Werke seit Erfindung der E-Gitarre, erklang zum ersten Mal in der Stadt, deren Namen das Konzeptalbum von 1973 trägt.

„Berlin“, die Legende. Einst ein gezielter Affront gegen das Image, das man ihm anhängen wollte. Eine lose verbundene Story, Rockoper in nuce, kurz nur ist von Berlin und der Mauer die Rede. Eine reine Horrorfantasie, Lou Reed besuchte erst Jahre später die geteilte Stadt. „Berlin“, die Geschichte einer sadomasochistischen Liebe, sie behandelt ihn wie Dreck, er schlägt sie, ein einziger Drogentrip, die Kinder werden der Frau weggenommen, sie schneidet sich die Pulsadern auf, der Mann deliriert. Und Lou Reed erzählte das minutiös. Den Slogan „No Future“ gab es damals noch nicht, doch genau das lag in dieser Platte: eine unheimliche Einflüsterung, Gewaltfaszination, zwei Menschenleben, ein Scherbenhaufen. Lou Reeds Lulu. Eine Ode auf die Selbstzerstörung, die nach Baudelaire, Rimbaud, Wedekind schmeckte und, avant la lettre, Fassbinder.

Für „Berlin“ wurde Lou Reed anfangs von allen gehasst, von den Kritikern, den Fans, den Plattenbossen, und eines Tages, wie es so geht, schlug die harsche Ablehnung in schiere Bewunderung um. Längst gilt „Berlin“ als Meisterwerk, wer redet heute noch von „Tommy“ von The Who oder Pink Floyds „The Wall“, diesen sinfonischen Rockmonstern, zu denen „Berlin“ sich verhält wie die „Dreigroschenoper“ oder „Mahagonny“ zum „Weißen Rössl“. Um eine Ahnung davon zu bekommen, wie „Berlin“ seinerzeit wirkte in seinem grandiosen Scheitern, muss man das Opus auf Vinyl anhören, mit all den Kratzern und Narben von der Plattenspielernadel. Ein fragiles Gebilde, jederzeit drohte es auseinanderzubrechen, als hielte sich der Sänger an einem Strohhalm fest. Ein Fragment. Verführerisch und böse. Im West-Berlin der Achtziger fand „Berlin“ bemerkenswerten Nachhall. Die zehn New Yorker Songs trafen den morbiden Nerv der Insel.

Die Idee einer integralen „Berlin“-Aufführung – Premiere war letzten Herbst in der Heimatstadt des Künstlers – hat ja etwas Unwiderstehliches. Darin liegt Trotz, liegt Selbstbehauptung sowie die simple Erkenntnis, dass es manch ein Rockmusiker so weit gebracht hat, auf ein veritables Œuvre zurückzuschauen. Das will gepflegt sein. Der Trend zur Klassischwerdung des Rock ist eben nicht nur ein Trend, sondern eine Notwendigkeit, vor der Giganten wie Bob Dylan, Neil Young und noch ein paar andere große Überlebende stehen. Die Frage ist, wie. Was geschieht, wenn Rockmusik sich verfestigt, wenn sie in den Kanon eingeht.

1978 brachte Reed ein Live-Doppelalbum mit dem schönen Titel „Take No Prisoners“ heraus. Und nun, anno 2007 – 34 Jahre, also mehr als ein gewöhnliches Rockerleben nach der Erstveröffentlichung von „Berlin“ – läuft die Geschichte andersherum. Es werden Gefangene gemacht, und sie werden vorbildlich behandelt. Caroline und ihr Lover, das fatale „Berlin“-Paar, stehen plötzlich im vollen musikalischen Saft. Lou Reed bietet Streicher und Bläser auf, die es zwar auch schon im Original gab. Hier aber füllen sie den Raum, stopfen noch das kleinste Loch im blickdichten Soundteppich. Es ist der satte Rock der späten Jahre, perfekt geölt, ein Triumph erarbeiteter Stärke.

„Berlin“ von 1973 war schmächtig bis magersüchtig, staksig und hochsensibel, „Berlin“ heute spannt seine Muskeln, schwimmt in fetter Soße. Man ist so dankbar für die leisen, akustischen Stellen in „Caroline Says II“ oder „The Bed“ – der „Sad Song“ am Schluss (mit dem Mädchenchor) schwillt an zum Oratorium. Das ist hart, übersteigt jeden Kitschbegriff. Man verschließt besser die Augen vor den Filmbildern des Malers Julian Schnabel, projiziert auf eine orientalische Tapete. Die Frau, die man da immer wieder in intimen Posen sieht (Caroline?), strahlt irritierende Lebensfreude aus. Was für eine Geschichte wird erzählt? Nein: Jetzt ist es Geschichte. Ein Memorial für die Opfer eines lange zurückliegenden Kampfs gegen sich selbst. Leicht zu hören, schwer zu ertragen.

„Berlin“ ist deutlich länger geworden, mit den ausgedehnten Soli und bombastischen Songschlüssen dauert es jetzt fast siebzig Minuten. Man kann nicht sagen, dass Lou Reed sein verwunschenes Werk bloß wiederholt, wie eine Konserve. Im Gegenteil streicht er es pastos aus, wo vorher aquarellierte Skizzen waren. Er entfaltet Wucht, wo heimtückisch scharfe Schnitte saßen. Von der sinistren Aura des Albums bleibt so gut wie nichts. Doch schon 1973 soll Lou Reed ein theatralisches opus magnum im Kopf gehabt haben, er, der Warhol-Adept mit dem Drang zum Gesamtkunstwerk. Man erinnert sich an sein flaues Hamburger Edgar-Allan-PoeMusical – aber auch an die wunderbare Hommage an Warhol, die er mit John Cale schuf („Songs for Drella“).

Da wollte einer immer schon mehr sein als ein Rockmusiker. Und vielleicht war „Berlin“ von Anfang an ein großartiges Missverständnis, war das Album deshalb so enigmatisch, weil die böse Plattenfirma dem Künstler den Griff nach den Sternen verwehrte. Und, ja, das neue „Berlin“ zeugt von Ehrlichkeit. Mit 65 kann man keinen genialischen Junkie mehr spielen. So weit ist die Medizin noch nicht. In drei Wochen kommt Chuck Berry, 80.

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