Konzert-Rezension : Zart bis anarchisch

Zum Abschluss des popdeurope 2005 standen am 6. August mit Camille, Aïwa, Kana und der Balkan Beat Box gleich vier Acts auf der Bühne der Arena Treptow.

Achim Fehrenbach

Mit einem Frankreich-Schwerpunkt ist das popdeurope 2005 am Sonntag zu Ende gegangen. Seit dem 16. Juli präsentierten die Macher Popsounds aus ganz Europa. Das Festival war ein Erfolg: 17.000 Besucher strömten in die arena und aufs Badeschiff. Am letzten Abend standen mit Camille, Aïwa, Kana und der Balkan Beat Box gleich vier Acts auf der Bühne, vier unterschiedliche Musikstile, die von den Besuchern mit gleicher Neugier empfangen wurden. Das lag nicht zuletzt an der Dramaturgie des Abends. Zwischen dem experimentellen Auftritt der Sängerin Camille und der vollkommen anarchischen Show der BBB lagen Welten - und die beiden sehr tanzbaren Darbietungen der französischen Bands Aïwa und Kana.

Murmeln wie Tricky

Aïwa beheizt die arena mit tiefen Bässen und Breakbeats, über denen die Stimme des Rappers Naufalle kreist. So richtig los geht es aber erst, als die ganz in Schwarz gekleidete Sängerin Sévérine ihre hypnotische Stimme murmelnd und zeternd über das dichte Soundgeflecht streichen lässt. Kein Wunder, dass Triphop-Gott Tricky auf die Formation aus Rennes aufmerksam wurde und ihr beim Montreux Jazz Festival mit einer gemeinsamen Jam-Session höhere Weihen verlieh.

Zur FotostreckeAïwa sind eine willkommene Abwechslung nach der brillanten, aber etwas anstrengenden Sängerin Camille, die den Abend eröffnet. Die 26-Jährige ist durch ihre Zusammenarbeit mit dem Nouvelle Vague-Projekt bekannt geworden und hat gerade ihr zweites Album veröffentlicht. Matthew Ker mischt ihre Schreie und Schnalzer zu immer neuen Loops, die dann als Hintergrund für Camilles nuancenreiche Stimme dienen. Mit einer zurückgenommenen Instrumentierung - Piano, Gitarre und Akkordeon wechseln einander ab - entstehen kleine Juwelen, manchmal nur eine Minute lang. Schade, dass Camille auch noch die Alleinunterhalterin spielen will und Zuschauer als "zukünftige Ex-Freunde" auf die Bühne bittet, die dann zu ihren Songs den Hampelmann spielen müssen.

Wo das Zuckerrohr wächst

Zur FotostreckeNach Camille und Aïwa betritt Kana die Bühne, Frankreichs erfolgreichste Reggae-Band. Mit "Plantation" landete die Gruppe einen Sommerhit, der sich 350.000 Mal verkaufte. Sänger Philippe Ripoll singt "ça pousse comme ça" ("das wächst von selbst") und meint damit wohl mehr als nur das Zuckerrohr, das der Band den Namen gab. Kana spielen Wohlfühl-Reggae von ihrem zweiten Album "Entre Frères", das in Dakar im Studio von Youssou N'Dour aufgenommen wurde. Dass sie nicht nur Mainstream können, beweisen sie mit Salsa-Grooves am Ende ihres Auftritts.

Wer es sich jetzt schon auf der Tribüne bequem gemacht hat, wird gegen 1 Uhr abrupt aus den Sitzen gerissen, denn auf der Bühne beginnt das wilde Spektakel der "Balkan Beat Box".

Zwei dürre Typen in Schweinemasken trommeln sich um Kopf und Kragen, drumherum hüpft eine Kombo aus Blechbläsern. Im Publikum beginnen sich bauchtanzähnliche Bewegungen fortzupflanzen, das Ganze klingt nach einer Mischung aus Goran Bregovic und Punk, HipHop und Clubsounds. Mit beispielloser Energie rappt und zappelt Frontmann Tomer Yosef über die Bühne, klettert auf die Boxenwände und sprintet zum Schlagzeug, um mit teuflischen Grinsen auf die bereits schrottreife HiHat einzudreschen. BBB kommen aus Israel und den Balkanstaaten, leben aber in New York und sind augenscheinlich von der dortigen Clubszene beeinflusst. Das popdeurope ist ihr erstes Konzert in Deutschland: ein würdiger Abschluss für das Festival und einer der erstaunlichsten Auftritte, den das popdeurope je erlebt hat.

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