Konzert : Rod Stewart kam pünktlich

Säuseln statt rüpeln: Rod Stewart in Berlin war handzahm- Der 65-Jährige gehört zu den großen Überlebenden der klassischen Rock-Ära.

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Foto: Davids/Darmer
Foto: Davids/DarmerFoto: DAVIDS

Sogenannte Sekundärtugenden wie Höflichkeit, Gehorsam oder Pünktlichkeit gehören gemeinhin nicht ins Anforderungsprofil eines Rockstars. Es gilt, Dekadenz zu zelebrieren, nicht Demut. Doch in der Berliner O2 World hebt sich um Punkt 20 Uhr, so sekundenzeigerpräzise, wie es die Deutsche Bahn für ihre Verbindungen verspricht, unter Scheinwerfergeflacker der Bühnenvorhang, der das Pop-Art-Gemälde eines altertümlichen Hochgeschwindigkeitszuges zeigt. Dahinter erscheint eine sechsköpfige Band, gekleidet in Uniformen wie aus der Beatles-Ära, und spielt zackige Motown-Rhythmen. Dann dampft, nein: schlendert Rod Stewart herein, zu erkennen an der berühmten, kunstvoll hochgetürmten Ananasfrisur. Was hier stampfend in Fahrt kommt, ist der Soul Train, exakter: „Love Train“, ein Gute-Laune-Vehikel, für das man, wie der Sänger nun mit immer noch untadeliger „Reibeisenstimme“ („Frankenpost“) röhrt, nicht einmal ein Ticket benötigt, „just come on board“.

Angesichts von Eintrittspreisen ab 74 Euro ist das natürlich stark untertrieben, doch obwohl noch nicht alle der 7500 vorwiegend weiblichen Zuschauer in der dreiviertelvollen Halle ihren Sitzplatz gefunden haben, formiert sich vor der Bühne bereits die erste Polonäse. Rod Stewart, 65, gehört zu den großen Überlebenden der klassischen Rock-Ära. Er hat die Exzesse von Sex & Drugs & Rock’n’Roll ausgekostet, seine beim Mercury-Label veröffentlichten Alben zählen zu den Höhepunkten des britischen Rumpelblues. Aber seine letzten relevanten Platten brachte er vor dreißig Jahren heraus, als er mit Titeln wie „Da Ya Think I’m Sexy?“ Rock und Disco fusionierte. Weil er sich danach auf sein Privatleben konzentrierte, gilt er als Unvollendeter. Statt Rüpel ist er nun Soul-Säusler, ein Feld, das auch andere Altstars wie Phil Collins oder der Simply Red-Sänger Mick Hucknall bewirtschaften, der Stewart übrigens demnächst bei seinen alten Sauf- und Sangeskumpanen von den Faces ersetzen soll.

„Enjoy, enjoy, enjoy“, empfiehlt der Star am Anfang, und das hundertminütige Konzert erfüllt dieses Versprechen eines schnellen, heftigen Genusses. Stewart singt Klassiker von Sam Cooke oder den O’ Jays aus seinem aktuellen Album „Soulbook“ und eigene Hits wie „Tonight’s The Night“ oder „Maggie May“. Er verausgabt sich dabei so sehr, dass er vier Mal die durchgeschwitzte Garderobe wechseln muss. Doch die synthetisch wirkenden Saxofon- und Geigensoli, dargeboten von einer André-Rieu-haft dauergrinsenden Musikerin, sind schlimm. Dafür entfaltet der Abend immer wieder die Lässigkeit und den Witz der britischen Arbeiterklasse. Als auf der Videowand ein Bild erscheint, auf dem Prinz Charles dem Sänger einen Orden umhängt, steht daneben die Schlagzeile „Er war nur der Sohn eines Klempners.“ Und zu „You’re In My Heart“ schießt der Celtic-Glasgow-Fan signierte Fußbälle ins Publikum. Seine Schusskraft ist gewaltig.

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