Konzert : The Prodigy: Zucken im Akkord

Die Elektropunk-Ikonen The Prodigy kehren zurück. Eine richtige Band sind sie immer noch nicht.

Tina Gebler
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Hemmungslos. Keith Flint und seine Band sind öfter mal in Berlin zu Gast. -Foto: dpa

The Prodigy wollen der frühen Rave-Kultur Tribut zollen. Am heutigen Mittwoch kommen die Briten mit ihrem neuen Album „Invaders Must Die“ nach Berlin.

Fans von The Prodigy werden schnell nostalgisch. Das liegt daran, dass es lange ruhig um die Elektropunk-Ikonen war und die meisten sie für Hits, wie „Out of Space“ oder „Smack My Bitch Up“, lieben. Liam Howlett, dem musikalischen Kopf der Band, geht es ähnlich. Er schwärmt der Rave-Kultur der späten 80er Jahre hinterher, verspricht sogar einen solchen Partyexzess, wenn die Band am heutigen Mittwoch in die Arena in Treptow kommt. „Seitdem es die Band gibt, kommen wir nach Deutschland“, erinnert er sich. Damals zertanzten sich Menschenmassen in elektronischer Musik, Ecstasypillen wurden wie Minzbonbons eingenommen. Auch heute will Howlett mit den Fans feiern, um dem drögen Alltag zu entfliehen. „Just to fuckin’ forget about that shit for two hours.“ Ein wenig schämt Howlett sich, das Wort Rave in den Mund zu nehmen. Es sei abgenutzt, jede zweite Elektroparty nenne sich so. Er jedoch beharrt auf dem Ursprünglichen, „the original thing“.

Nicht nur, dass „Rave“ für sie etwas anderes bedeutet. Eigentlich geht es bei The Prodigy ständig um etwas anderes. Es fängt damit an, dass sie keine herkömmliche Band sind. Um die Musik kümmert sich eigentlich nur DJ Liam Howlett. Der Gesang obliegt MC Maxim Reality und Keith Flint – meist schreien sie den Songtitel gefühlte zehn Mal pro Lied auf den krachigen Sound. Ungewöhnlich ist auch, dass Tänzer als Bandmitglieder gelten. Das Mikro nahm Flint erst sechs Jahre nach Entstehung der Band 1990 bei der Hitsingle „Firestarter“ in die Hand. Im Video dazu wankt er mit verkreuzten Beinen durch einen U-Bahn- Schacht – als müsse er dringend auf die Toilette. Bei Basskicks zuckt er zusammen, wirft die Arme nach vorn. „Sein Tanzstil ist nicht … nicht gut“, sagt Howlett. „Anstatt Tänzer zu sein, ist er eher ein Stagediver, der nicht von der Bühne fällt.“ Wahrscheinlich wäre er sogar beleidigt, würde man ihn einen Tänzer nennen. Flints Nichttanzen animiert die Konzertgänger hemmungslos Arme und Beine in alle Richtungen zu werfen. Oder bei einem Seitenhieb zu bemerken, dass der Kartenkauf wohl doch nicht so eine gute Idee war. Flint ist ein Live-Animateur. Denn ihre Musik solle live funktionieren, das sei essenziell, sagt Howlett. „Ohne Auftritte würden wir nicht existieren, nein.“ Da kämen sie her. Wieder schwärmt er von den „richtigen Raves“. Vielleicht hätte sich Antitänzer Flint anstatt eines Totenkopfes einen Smiley, das Symbol der frühen Rave-Kultur, auf die Schulter tätowieren lassen sollen. Um das noch mal klarzustellen.

Sie sind keine Band, die nach dem gewohnten Rhythmus funktioniert: Ein Album produzieren, auf Tournee gehen und gleich an der neuen Platte weiterarbeiten. Nach ihrem Hitalbum „The Fat of the Land“ im Jahre 1997 wurde es um The Prodigy ruhig. Zumindest musikalisch, Protestschreie von Eltern und Boulevardpresse dagegen wurden immer lauter. In Songs wie „Smack My Bitch Up“ würden sie Drogen und Gewalt verherrlichen. Howlett wolle nichts verklären, aber „die elektronische Tanzmusik ist aus der Drogenszene heraus entstanden. Das kann niemand abstreiten.“ Dennoch schien ihnen die Kritik die Hände zu binden. Erst 2004 erschien „Always Outnumbered, Never Outgunned“, fand jedoch wenig Beachtung. Nach erneut fünf Jahren Pause kam Anfang dieses Jahres ihr neues Album „Invaders Must Die“ heraus. „Wir wollen damit die bösen Geister vertreiben“, sagt Howlett. Ohne Okkultereien Glauben zu schenken, hat das offenbar geklappt. Denn es ist das zweite Mal, dass die Band mit diesem Album auf Tour geht. Anfang März spielten sie in Berlin bereits im ausverkauften Huxleys Neue Welt in Neukölln, heute steigen sie mit der Arena auf eine größere Bühne. Tina Gebler

The Prodigy mit Enter Shikari, 20 Uhr, Arena Treptow. Karten (44,50 Euro) unter Tel. 230 99 30 oder www.berlin-ticket.de

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