Konzertbericht : Faust hoch: Tocotronic im Berliner Astra

Berlin ist für zwei Abende die letzte Station der Tour zum neunten Album "Schall & Wahn",das die ehemals Hamburger Band durch ausverkaufte Hallen geführt hat.

Kirsten Riesselmann
Poesie und Halrung. Tocotronics Dirk von Lowtzow im Berliner Astra. Foto: Davids
Poesie und Halrung. Tocotronics Dirk von Lowtzow im Berliner Astra. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

„Endlich zu Hause“, sagt Sänger Dirk von Lowtzow zu Anfang des Tocotronic-Konzerts am Samstag im Astra. Berlin ist für zwei Abende die letzte Station der Tour zum neunten Album „Schall & Wahn",das die ehemals Hamburger Band durch ausverkaufte Hallen geführt hat. Tocotronic im Jahr 17 ihrer Existenz: Aus den Hamburger-Schule-Schrammlern und Königen des Slacker-Sloganeering ist eine Breitwand-Indie-Rockband geworden ist, die mit leicht größenwahnsinniger Geste die letzten drei Alben „Berlin-Trilogie“ nennt, in ihren Texten Literatur, Philosophie, Kunstkritik und links anpolitisierte Widerborstigkeit zu einem Gemenge verquickt, das in manchen Feuilletons Exegesen der verhobensten Art produziert.

Manch einer ätzt heute über Tocotronics raunendes Pathos, in Konzertkritiken wird über von Lowtzows divenhafte Bedankerei, seine Kratzfüße vor dem Publikum und die kunstwollenden Verzerrer-Orgien gemäkelt, in die live immer mehr Songs abdriften. Dabei trägt dies alles auch dazu bei, dass ein Tocotronic-Konzert 2010 immer noch eine beglückende Angelegenheit ist.

Das Programm bietet Material aus allen Schaffensphasen, das Drei-Generationen-Publikum fordert längst nicht nur alte Hits. Zeitlose Gültigkeit umweht „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ (1995) bis „Macht es nicht selbst“ (2010). Von Lowtzows Spagat, einem Massenpublikum akademische Begrifflichkeiten zuzumuten, funktioniert so gut wie eh und je. Da wird „Ein leiser Hauch von Terror“ als ein Lied über Sprechakte und Sprachspiele angekündigt, da wird für „alle Inter-, Bi- und Transsexuellen sowie sonstige Zwischenwesen“ gespielt, da wird „Aber hier leben, nein danke“ als Statement gegen Nationalstolz anmoderiert – und ein Saal, der das jüngste Album auf Platz eins der Charts gekauft hat, reckt kollektiv die linke Faust.

Nach zwei Stunden werden die Gitarren auf die Verstärker gelegt, und alles versinkt im schönsten entsubjektivierten Rückkopplungslärm, in den sich vom Band Beethovens Ode an die Freude und, tatsächlich, die Internationale mischen. Pathetischer Schmuh, sicher, aber auch Haltung, Poesie und Catchyness. Tocotronic machen populäre Musik, wie sie sein soll.Kirsten Riesselmann

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