Konzerte : Ian Brown im Postbahnhof

Ian Brown scheint direkt aus der frostigen Eiseskälte von draußen in den Postbahnhof zu kommen. Erst auf der Bühne zieht er seinen dicken Eskimo-Parka mit dem großen Fellkragen aus, springt ans Mikro und brüllt: "Let's see you dance!"

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Und schon tanzt der Saal zu "Love Like A Fountain", funkeligen Dance-Beats von Browns zweitem Soloalbum aus dem Jahr 1999. Es groovt und kracht zu einer schmackeligen Fender Stratocaster, Gezwitscher aus dem Synthesizer, Bass, Drums und einem indisch aussehenden Zusatz-Rhythmiker an allen möglichen Trommeln, Bongos, Tablas.

Brown, einst Frontmann der bis Mitte der 90er äußerst populären und einflussreichen Manchester-Madchester-Indie-Raver "The Stone Roses", hat sich mit diversen Solo-Alben in den letzten zwölf Jahren längst befreit von der Last, sich an seiner Band-Vergangenheit messen zu müssen. Inzwischen fast 47 Jahre alt, ist er immer noch kleiner Mann mit großer Klappe und permanent heruntergezogenen Mundwinkeln, der den hohlwangigen, zornigen jungen Mann gibt.

Mit hochnäsigem Rockstargestus, über den er sich manchmal selbst mit einem Grinsen zu amüsieren scheint, schüttelt er das Tamburin, federt, pendelt und hüpft drahtig wie ein nervöser Boxer herum zwischen einer Mixtur aus Sechziger-Jahre-Gitarrensounds, Keyboard-Psychedelia, synthetischen Mariachi-Trompeten, Heilsarmeekapellen, frühen Pink-Floyd- und Strawberry-Fields-Anklängen.

In monoton grummeligem Sprechgesang brummelt er mehr rhythmisch als melodisch, limitierter im Ausdruck als man ihn von den Platten kennt. Bieten die Songs zwischendrin tatsächlich mal eine überraschende melodische Variante, stößt die Stimme schnell an ihre Grenzen, scheint zwischen den Tönen immer wieder in Schräglage zu geraten.

Die Band spielt ordentlich, die einzelnen Musiker wirken jedoch wie angeheuerte Söldner, die ihre Pflicht erfüllen, ohne Kraft, ohne Leidenschaft und ohne besonders Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei zwischendrin immer wieder ein paar Funken aufglimmen, so in einer beachtlichen Version von "Longsight M 13" mit einer reizvollen psychedelischen Gitarrenfigur.

Brown tänzelt und zappelt, schiebt beschwörend rhythmisch den Himmel nach oben, auf dass er nicht auf ihn herabfiele. Er animiert seine begeisterten Fans auf, mitzuschieben. Und alle schieben mit, immer nach oben, wedeln mit den Armen, tanzen, tanzen, tanzen. Bis nach anderthalb Stunden der Sänger seinen Eskimoparka nimmt, einen Jutebeutel schultert und geht. Draußen ist es noch eisiger inzwischen. H.P. Daniels

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