Konzertkritik : Air: Wer zu früh geht, verpasst das Beste

Im ausverkauften Huxley's lullen Air ihr Publikum 80 Minuten lang mit gepflegter Langeweile ein, ehe sie in einem brillanten Finale alles wieder gutmachen.

Jörg W,er

Es ist natürlich der älteste Konzerttrick der Welt, bei der letzten Zugabe nochmal alles zu geben, damit die Leute mit einem Strahlen auf dem Gesicht aus dem Saal taumeln. Doch Air treiben diese Idee auf die Spitze. Was einerseits daran liegt, dass sich ihr letztes Stück "La Femme d‘Argent“ im ausverkauften Huxley‘s zu einem grandiosen, über zehnminütigen Progrock-Kraut-Electronica-Monster auswächst, bei dem die drei Protagonisten ihr ganzes Können in die Waagschale werfen: Jean-Benoît Dunckel quält vom zartesten Schaumbadgeblubber bis zum postindustriellen Gestampfe ein beeindruckendes Soundspektrum aus seinen drei Synthesizer-Manualen. Nicolas Godin vergroovt sich in euphorisch mäandernde Bassverschlingungen, und auch der bis dahin etwas unterfordert wirkende Gast-Drummer darf endlich aus sich herausgehen. Dazu gibt es spektakulär suggestive Videoprojektionen, die an den Farbenrausch von Kubricks "2001“ denken lassen und somit perfekt zum retrofuturistischen Klangkonzept von Air passen. Ein fantastisches Finale.

Wenn bloß die vorangegangenen 80 Minuten auch etwas davon gehabt hätten. Da haben Air nämlich nicht nur bestehende Vorurteile (blutarme, weitgehend humorfreie Franzosen mit der Ausstrahlung von Kleiderständern) bestätigt, sondern auch grundsätzliche Zweifel an dieser Art des frontalen Liveerlebnisses genährt: Warum soll man sich so wunderbare Musik, die gerade bei älteren Hits wie „Kelly watch the Stars“, „Remember“ oder „Sexy Boy“ eine charmante Patina angesetzt hat, in deutlich uninspirierteren Konzertversionen anhören, dabei angerempelt oder durch dauerquatschende Nachbarn abgelenkt werden, wenn man das gleiche in sublimer Perfektion zuhause im kommoden Ohrensessel genießen könnte? Hier wäre ein ganz anderes Konzept denkbar, bei dem man in Verner-Panton-artigen Liegelandschaften rumlümmelt und ein multimediales Spektakel rund um sich herum genießen könnte, am besten so richtig Blockbuster-"Avatar“-mäßig mit 3-D-Brille, Dolby-Surround und allem Pipapo. 

Dass Air ein alle Sinne beglückendes 360-Grad-Konzerterlebnis aus Kosten-Gründen nicht realisieren können, ist zwar schade, aber verständlich. Dass sie aber nicht mal ein durchlaufendes visuelles Konzept auf die Beine stellen, ist jämmerlich. Denn jedes Mal, wenn im Bühnenhintergrund etwas zu sehen ist, gewinnt die Show an Tiefe. So aber werden die kaum vorhandenen Performerqualitäten ins Scheinwerferlicht gerückt: die quasi körperlose Passivität, der vor allem in Form von Dunckels zwitterhaftem Gesäusel meist windschiefe Gesang (man erinnert sich sehnsüchtig an Beth Hirsch, die dem ersten Air-Album ihre Stimme lieh), den viel zu dünn klingenden Drums. Lediglich Nicolas Godin strahlt mit seinem solide knurrenden Bassgeplucker ein gewisses Bühnencharisma aus, rettet das Konzert aber nicht vor gepflegter Langeweile. Im Grunde ein ziemliches Desaster. Und dann kommt "La Femme d‘Argent“ und alles wird gut. Man fasst es nicht.

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