Konzertkritik : Amos Lee im Lido

Brummel, brummel, brummel - wenn sich Amos Lee mit dem Publikum unterhält, kommt in den hinteren Reihen nicht viel an. Anders sieht es aus, wenn der Singer/Songwriter mit kräftiger Stimme lässig und präzise seine Songs präsentiert - wie im Kreuzberger Lido.

von
Amos Lee
Amos LeeFoto: Harper Smith

Dicht gedrängt steht das Publikum im seit Wochen ausverkauften Kreuzberger Lido. Auf der Bühne, ganz alleine, ein eher unscheinbarer Mann: Kurze, lockige Haare, Brille, Bart, kariertes Hemd, Jeans, Gibson-Akustikgitarre.

Amos Lee, der 32-jährige Singer/Songwriter aus Philadelphia, singt feinen "Blue-Eyed-Soul" mit einer Stimme, die stark an Steve Winwood erinnert: "Some people they claim / If you get enough fame / You live over the rainbow…" Obwohl er zu Beginn des Jahres mit seinem vierten Album "Mission Bell" den überraschenden Sprung auf Platz eins der amerikanischen Billboard-Charts geschafft hat, ist er trotz des unerwarteten kommerziellen Erfolges diesseits des Regenbogens geblieben, mit den Stiefeln immer noch fest auf dem Boden.

"Keep It Loose, Keep It Tight" war der erste Song seines ersten Albums "Amos Lee" aus dem Jahr 2005. Als erster Song des Abends wirkt der Titel wie ein Motto für das Konzert. Das Auftreten locker, entspannt, charmant, zurückhaltend - das Gitarrenspiel mit abwechselndem Flat- und Fingerpicking, stilistisch zwischen Folk und Jazz, straff und auf den Punkt. Auch der Gesang lebt von dieser wohldosierten Mischung aus Lässigkeit und Präzision, in Phrasierung, Ausdruck, Intonation, in der neben dem Soul immer auch Blues und Folk, ein bisschen John Prine und James Taylor mitschwingen.

Eine kräftige Stimme, die sich während der Kommentare zwischen den Songs zurückzieht in verhaltenes, fast schüchternes, schwer verständliches Brummeln. Brummel, brummel, brummel - in den vorderen Reihen wird gelacht, hinten kommt nichts mehr an. Songs und Gesang dann wieder voll da: ein schöner Querschnitt aus allen vier Alben. Brummel, brummel, brummel - Amos erzählt von Joey Burns, der das neue Album "Mission Bell" produziert hat, und von dessen Gruppe Calexico, die darauf mitspielt. Und - brummel, brummel, brummel - dass er beim nächsten Mal sicher mit kompletter Band unterwegs sein werde.

Schade eigentlich, denn ohne Band hat dieses Konzert einen ganz besonderen Reiz und Charme: Amos Lee alleine, nur Gesang und Akustikgitarre, reduziert aufs Wesentliche. Wie vor sieben Jahren als er zum letzten Mal in Berlin aufgetreten ist, im Vorprogramm von Norah Jones, als ihn noch niemand kannte, als er noch nicht einmal sein Debütalbum veröffentlicht hatte. Noch weit entfernt vom großen Charts-Erfolg.

Trotz der zweifellos exquisiten Beiträge von Calexico und diversen anderen Gastmusikern auf dem jüngsten Album wirken die Arrangements dort stellenweise sehr glatt und gebügelt. Und so ist es eine besondere Freude, an einem Abend wie diesem, alles einmal ohne Beiwerk hören zu können.

Neben "Arms Of A Woman", der feinen an Otis Redding erinnernden Soul-Ballade in Sechsachtel und dem gesanglich an John Prine geschulten "Nighttrain", ist der ruhige, bis auf die Knochen reduzierte Song "El Camino" vom neuen Album als letzte Zugabe der Glanzpunkt eines bejubelten Abends.

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