Konzertkritik : Andromeda Mega Express Orchestra: Gerupftes Huhn spielt Thelonious Monk

Beim begeisternden Auftritt im Prater erobert das Andromeda Mega Express Orchestra dem Jazz verloren geglaubtes Terrain zurück

Jörg Wunder

Eigentlich schade, dass es die Initiatoren des diesjährigen Jazzfests versäumt haben, das Andromeda Mega Express Orchestra einzuladen: Schließlich ist ein von Berlin aus operierendes Ensemble, dass Primärtugenden des Jazz exemplarisch in Erinnerung ruft, durchaus eine Rarität. Das 20-köpfige Ensemble knüpft an die weitgehend ausgestorbene Bigband-Tradition an, die hauptsächlich in der Nische des öffentlichen Rundfunks überlebt hat.

Von dieser Form der Alimentierung kann der 25-jährige Bandleader Daniel Glatzel nur träumen. Er muss sehen, wie er seine über mehrere Länder verstreuten Musiker zu seltenen Auftritten zusammentrommelt, die dann manchmal doch nur wie im Prater von etwa 150 Besuchern wahrgenommen werden.

Aber dieses Projekt lebt vom Enthusiasmus aller Beteiligten. Glatzel gibt zu jedem Stück eine verhuschte Einführung, und dann geht die wilde Reise los ins Land der Abenteuer. Das Flirren und Sirren der sieben Streicher trifft auf das Gehupe von fünf Holz- und drei Blechbläsern, es umgarnen sich Vibrafon, E-Gitarre, Kontrabass und Harfe, während der von The Notwist ausgeborgte Andi Haberl mit dem Besen die Trommeln rührt. Die langen, labyrinthisch verschlungenen Songs streifen - neben vielem anderem - französische Filmmusik der Sechziger, die kühle Jazz-Arithmetik von Charles Mingus, den psychedelischen Lounge-Jazz von "Raumpatrouille Orion" und den federnden Groove des Bossa Nova.

Und sie stecken voller Überraschungen: Da kommt das Orchester wie eine alte, rostige Maschine mit dem letzten Schnaufen der gestopften Trompete zum Stehen, ehe der austretende Wasserdampf eines auf der Bühne postierten Reiskochers das Signal für eine furiose Coda gibt, die wiederum in zartestem Südsee-Gitarrengezirpe ausklingt. Unglaublich auch das Arrangement für Thelonious Monks "Nutty": Natürlich ohne Piano, dafür von überwältigender Klangvielfalt und mit einem Flötisten, der sich als gerupftes Huhn verkleidet und von einer Zuschauerin massieren lässt. Nicht nur in diesem Moment des wunderbaren, über zweistündigen Konzerts erobert sich das Andromeda Mega Express Orchestra das anarchische Potenzial eines reinen, kindlichen Spaßes zurück, den man im zeitgenössischen Jazz allzu oft vermisst.

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