Konzertkritik : Antikriegs-Big-Beat in der Volksbühne

Ein wahrlich gelungener Abend: Gustav spielten in Berlin

Jörg W,er

Nachdem Gitarrist Oliver Stotz wegen unmittelbar bevorstehender Vaterschaft absagen musste, bleibt nur Elise Mory, um die Wienerin Eva Jantschitsch beim Auftritt als Gustav in der Volksbühne zu unterstützen. Besser also gleich den bröseligen Blues „Happy Birthday" anstimmen, dessen Textzeile „Das Leben ist kein Wunschkonzert" geeignet ist, die Erwartungen zu dämpfen. Was indes überflüssig ist, denn der Charme der Darbietung liegt gerade im bescheidenen, verletzlichen, zugleich scharfzüngigen Gesang von Frau Jantschitsch, die unerschrocken gegen stramme Elektrobeats und Elise Morys perlende Pianoläufe anträllert. Dass ihre Stimme oft transparent, kaum voluminös wirkt, ist der Wirkung ihrer vieldeutigen, zwischen ätzender Gesellschaftskritik und schneinnaiven Ökotopia-Szenarien lavierenden Liedern durchaus zuträglich.

Mit der Fragilität eines Kanarienvogels tschilpt sie den fatalistischen „Abgesang", zerpflückt in „Neulich im Kanal" die Menschenverachtung des TV-Voyeurismus und gibt ihr Herzblut für „Alles renkt sich wieder ein", einer Endzeitballade im Spieldosenarrangement. Bei „Soldat_in oder Veteran" fragt man sich schon, ob dieser malmende Antikriegs-BigBeat in den Händen einer zehnköpfigen Live-Band nicht mehr Sprengkraft entwickeln würde, aber Eva Jantschitschs an die Achtziger-Heldin Anne Clark erinnernde Performance ist auch nicht übel.
 
Zum Schluss bringt Gustav ihren kleinen Indie-Hit „Rettet die Wale": schäumende Pianogischt über an- und abschwellender Südsee-Sehnsucht, wunderschön. Nach fast anderthalb Stunden erklatscht das begeisterte Publikum noch eine Zugabe und bekommt zum zweiten Mal – das Repertoire ist durch den fehlenden Gitarrenmann begrenzt – das vom gleichnamigen Protestsong-Klassiker inspirierte „We shall overcome": Form und Inhalt präzise auf den Punkt gebracht, wie alles an diesem gelungenen Abend.

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