Konzertkritik : Barry James Payne alias "String bone" im art.gerecht

Die aufregendsten Konzerte findet man gelegentlich an versteckten Orten, wo man sie nicht unbedingt erwartet. Der Auftritt des kanadischen Songwriters Barry James Payne alias "String Bone" im art.gerecht war so ein Konzert.

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Das art.gerecht ist ein freundliches Galerie-Café in der Friedrichshainer Jungstraße - mit einer feinen Auswahl an Kuchen, Kaffeearten, Tees und exotischen Trinkschokoladen. Von einer winzigen Bar mit netter Bedienung und ungewöhnlich hoher Theke geht es durch einen langen Gang in einen kleinen Raum mit schmaler Bühne und nüchtern geradlinig moderner Einrichtung in Schwarzweiß: bequeme Ledersessel und unbequeme Sitzquader.

Und dann dieses Konzert. Aus Rücksicht auf die Nachbarn, dass es nicht so spät wird, muss es früh beginnen. So hängt sich der kanadische Singer/Songwriter Barry James Payne alias "String Bone" um kurz nach acht seine große schwarze Akustikgitarre um, spannt eine Mundharmonika ins Gestell, lässt ein paar Töne wimmern, als wäre es das "Lied vom Tod" und dengelt ein paar offene Akkorde hinterher. Links setzt eine zurückhaltend geschmackvolle Pedal-Steel-Gitarre ein - Harry hatte man kurzfristig in Holland angeheuert. Rechts ein Kontrabass: Dan Henshall kommt wie Barry James Payne aus Ontario, Kanada.

Weil es aus Rücksicht auf die Nachbarn im art.gerecht auch keine Mikrofone geben darf, singt Payne ohne jegliche Verstärkung und Effekte. Kein Hall, keine Tricks, kein nichts. Da ist einfach nur diese schöne Stimme: tief und ohne falsche Posen, voller Spannung und Emotion - ruhig und ausdrucksstark. "We'll go down to the river sunday morning and wash away our sins..."

Und alles wird gut. Folk, Blues, Country, Jazz, Rock, Gospel und Poesie verschmelzen in einer rohen, aufs Wesentliche reduzierten Form. "Ist hier ein bisschen wie mit Freunden zu Hause in der Küche", sagt Payne und lacht. Das ist dann auch das Spezielle, das diesem Auftritt den besonderen Reiz verleiht: Intimität und Nähe, die nicht alltäglich ist. Wer würde nichts dafür geben, Bob Dylan, Elvis Costello oder Bruce Springsteen, von denen Payne einiges hat, einmal in so einer Situation zu erleben? Mit nur etwa einem Dutzend Zuhörern. Und immer ganz dicht dran an den Songs, den Geschichten und den Musikern, denen man natürlich dann doch auch die Massen von Publikum wünschte, die sie verdient hätten.

Zwischendrin erzählt Payne sehr charmant ein paar schöne Geschichten. Anekdoten von unterwegs, Erlebnisse während ihrer Tour in Holland und in Deutschland. Weil sie zum ersten Mal hier seien, hätten sie sich auf der Autobahn gewundert, was das wohl für eine Stadt ist, die da immer wieder angezeigt war: "Ausfahrt". Payne kichert. Ja, so dämlich seien sie tatsächlich gewesen.

Er singt die zauberhafte melancholische Ballade über die Beziehung eines Musikerpaares, das sich kaum je sieht, weil jeder von ihnen immer gerade woanders unterwegs ist: "Portland, Maine", mit herzzerreißender Pedal Steel stammt vom neuen Album "nadir". Wie auch "Too Young For Romance", ein Song über Paynes 16-jährige Tochter mit einem rockigen Einschlag, der an den frühen Elvis Costello erinnert. Wohingegen das ältere, ebenfalls der Tochter gewidmete Lied "She's My Little Baby" in seiner hübschen Jodeligkeit den großen Jimmie Rodgers ins Gedächtnis ruft.

Dann ist da noch die traurige Song-Story über einen von Migräneattacken geplagten Musiker und ehemaligen Mitbewohner Paynes, der sich mit Alkohol und Drogen langsam ruiniert hat. Eine Mörderballade und "Killing Town", ein an Steve Earle angelehntes, leidenschaftliches Plädoyer für Gewaltlosigkeit und verschärfte Waffengesetze in den USA. Mit einer kräftigen rhythmischen Gitarrenfigur in "Dropped D"-Stimmung.

Aus Rücksicht auf die Nachbarn ist dann um kurz nach 10 schon Schluss. Da kommen noch ein paar Leute: "Ooch, schon vorbei? Schade!" Ja, schade! Man würde Barry James Payne / "String Bone" gerne bald wieder sehen.

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