Konzertkritik : Berlin Beat Allstars im Festsaal Kreuzberg

Die Fans im gut besuchten Saal tanzen, jubeln, singen mit, freuen sich über die schönen alten Songs ihrer Jugend. Aber dann passiert doch noch etwas Unerwartetes.

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Der Festsaal Kreuzberg in der Skalitzer Straße verströmt die Atmosphäre eines alten Tanzpalastes vergangener Zeiten, eines Beatschuppens der 60er-Jahre: Holzvertäfelung an den Wänden, oben eine Galerie mit Sitzplätzen zum Runterschauen aufs zerpolterte Tanzparkett mit Tischen und Stühlen am Rand, hinten ein langer Tresen, vorne eine Bühne mit roten Vorhängen.

Die Band spielt "I Can Tell" von Bo Diddley, sowie Boogie-Woogie und New-Orleans-Schaukler à la Fats Domino. Zwei Bläser stoßen dazu gewaltig in die Hörner. Das ist der Beat früherer Zeiten, Beatmusik, eigentlich noch Rock 'n' Roll, wie er Anfang der 60er im Hamburger "Kaiserkeller", "Top Ten" oder "Star Club" gespielt wurde.

Der damals noch jugendliche Danny Wall ist mit seinem Moped von Berlin dort hin geknattert, um die tollen Bands aus Liverpool zu sehen, die auf dem Kiez von St. Pauli gastierten. 1963 wurde Wall Gitarrist der harten Berliner R&B-Band The Hound Dogs. Fast fünfzig Jahre später steht er heute wieder auf der Bühne und macht immer noch eine gute Figur mit seiner Gibson ES-335. Heute ist er einer der "Berlin Beat Allstars", einer bunt zusammengewürfelten Truppe alter Musiker, die sich für ein einmaliges Konzert zusammengefunden haben, zur Ergänzung der Ausstellung über Berliner Beat-Bands der 60er Jahre (noch zu sehen bis zum 7.11. im Kreuzbergmuseum, Adalbertstr. 95a).

Bei diesem Veteranentreffen geben sich einzelne Musiker früherer Beat-Bands mit so schönen Namen wie Giants, Phantoms, Gloomys, Vikinks, Edgar and the Breathless, Allies, Beat Cats, Greenhorns im fliegenden Wechsel die Klinkenstecker ihrer Gitarren in die Hand und rattern schöne alte Beatschuppen-Klassiker runter: "Ferry 'Cross The Mersey" von Gerry and the Pacemakers, Bo Diddleys "Mona", von Sam The Sham and the Pharaohs "Wooly Bully"- in der Beatzeit gerne zu "Volle Pulle" verballhornt. John Lee Hookers "Dimples", "Don't Ha Ha", der Hit von Casey Jones and the Governors und und und.

Die Fans im gut besuchten Saal tanzen, jubeln, singen mit, freuen sich über die schönen alten Songs ihrer Jugend.

"Es ist halt so wie früher", sagt der Moderator begeistert. Nein, nicht ganz. Früher waren alle über vierzig Jahre jünger, in einer Zeit als diese Musik auch Ausdruck von Jugendlichkeit, Aufbegehren und Rebellion gegen die miefigen Verhältnisse einer grauen Nachkriegs- und Immer-noch-ziemlich-Nazi-vermufften Bundesrepublik war, als man noch kämpfen musste für diese Musik und die dazu gehörenden langen Haare und nicht, wie heute, gegen Haarausfall, Übergewicht, Arthritis und Nierensteine.
Der Beat von damals hatte auch etwas mit Liebe und Leiden-schaft zu tun, und nicht mit Resignation wie man sie doch in einigen Gesichtern der älteren Konzertbesucher lesen kann.

Ein bisschen kurzatmig und kraftlos wirken auch die meisten Sänger des Abends, bis ein lustiger Alt-Rock 'n' Rol-ler mit geölten Haaren, Schnurrbart und Torrero-Posen ein bisschen Feuer entfacht mit Larry Williams' altem Kracher "Dizzy Miss Lizzy", einer rockigen Version von Hank Willi-ams "Jambalaya", und dabei gesanglich an den Liverpooler Altrocker Ted "Kingsize" Taylor erinnert.

Ja doch, denkt man sich, ein vergnügliches 60er-Jahre Treffen mit netter Oldie-Mucke älterer Herren, die doch noch einmal mächtig Spaß haben, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Mit "Watch Your Step", "All Or Noth-ing" und "You Really Got Me". Warum nicht? Ein großer Spaß, den sie sich öfter gönnen sollten.

Aber dann passiert am Ende doch noch etwas Unerwartetes: Da kommt noch ein Typ auf die Bühne, und der ist wirklich cool. Ein kleiner Mann mit großkrempigem Musketierhut und langem schmalen Bartstreifen senkrecht runter über die Mitte des Kinns: Werner Krabbe, ehemaliger Sänger der herausragenden Berliner Rhythm & Blues-Gruppe The Boots, ist neben dem feinen Gitarristen der Team Beats Berlin Klaus Dreymann, der Überraschungsgast des Abends. Und plötzlich ist alles anders, plötzlich wandelt sich die lustige Ol-die-Mucke gemütlich fröhlicher alter Herren noch zu einem richtig guten Konzert.

Wenn Krabbe auch nur alte Standards singt, wie Wilson Picketts "In The Midnight Hour", Doug Sahms "She's About A Mover" oder Dylans "It's All Over Now Baby Blue" im von Van Morrisons Them übernommenen Arrangement, gibt er den Songs eine ganz eigene Note mit seinem ausdrucksstarken Phrasing und kann sich als exquisiter R&B-Shouter immer noch sehen und hören lassen neben den größten und besten des Genres, neben eben jenem Van Morrison, Eric Burdon oder Phil May, dem Frontmann der immer noch aktiven Londoner Pretty Things.

Der ehemalige Boots-Sänger Krabbe schüttelt die Maracas, lässt die Mundharmonika heulen, tänzelt ans Mikro, zieht die Mundwinkel runter und singt als ginge es immer noch ums Ganze, geht es auch für ihn, um sein ganzes Leben und er legt wirklich alles in seinen charismatischen Ausdruck, seine Leidenschaft, seinen Zorn, seine Freude, die ganze menschliche Gefühlspalette, dass es einen tief berührt. Er ist kein Poseur, sondern echt vom Hut bis in die Stiefelspitzen.

"Ick singe jetzt noch 'Gloria' und denn jeh ick", sagt der coole 66-Jährige. Mit den Boots war Van Morrisons "Gloria" Mitte der 60er Jahre sein größter Hit. Auch heute füllt er den alten Gassenhauer noch mit neuem Leben. Aber danach geht er doch noch nicht wie angekündigt, offenbar hat er sich noch überreden lassen, mitzumachen bei "Knocking On Heavens Door", Bob Dylans schönem Klassiker aus dem Jahr 1973. Der lässt sich offenbar noch um einiges schlimmer zurichten als Guns 'N Roses das schon 1991 getan haben: völlig zergröhlt und ohne jegliche Dynamik. Doch dafür kann der grandiose Werner Krabbe nichts. Schön, ihn wieder einmal auf der Bühne gesehen zu haben.

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