Konzertkritik: City-Slang-Labelnacht : Matrosen und Hinterwäldler

Bei der Labelnacht von City Slang und Wichita beglücken Port O´Brien, Get Well Soon, Those Dancing Days & Co. das Indie-Herz.

Nadine Lange
Get Well Soon
Glaubwürdig. Get Well Soon.Foto: Roland Owsnitzki

Van Pierszalowski trägt einen silbernen Mini-Kompass um den Hals. Eine kleine Erinnerung vielleicht an die vielen Sommer, die er schwer schufend auf dem väterlichen Lachsfang-Schiff in den Gewässern vor Alaska verbrachte. Seine damalige Verzweiflung und Einsamkeit ist direkt in die Musik seiner Band Port O´Brien gespült worden. Nachzuhören etwa auf ihrem grandiosen zweiten Album „All we could do was sing". Was dort noch relativ sparsam instrumentiert und arrangiert war, pumpt die Gruppe nun kräfig auf.

Pierszalowski wechselt schon nach kurzer Zeit zur E-Gitarre und rockt das eigentlich herzzerreißende Stück „Fisherman´s Son" zum mächtig ballernden Drum gnadenlos in die Erde. Doch man kann es Port O´Brien nicht verdenken, dass sie ihren Sound weiter in Richtung Modest Mouse und Arcade Fire treiben. Schließlich sind sie doch von einem folkigen Duo, das Pierszalowski mit seiner Freundin Cambria Goodwin startete, zu einem Quintett angewachsen. Da wollen natürlich auch alle was zu tun haben. Vor allem der zweite Gitarrist Zebedee Zaitz bringt mit seinen aus der Rickenbacker geschleuderten Akzenten eine spannende neue Farbe ein. Zum Finale mit dem kleinen Hit „I woke up today" verteilt die Band Töpfe, Löffel, Schraubenzieher und anderes Schlagwerk im Publikum. Man hört zwar nicht viel davon, aber das Lied ist auch so ein toller Mitgröl-Erfolg.

Bart ist Pflicht: O'Death

Danach geht es auf der großen Bühne des nur zu drei Vierteln gefüllten Postbahnhofs sofort weiter mit O´Death aus New York. Sie sind schon optisch ein ziemlicher Schocker: Drummer und Bassist tragen zu ihren Lockenmähnen großflächige Oberkörper-Tattoos - sie könnten ohne aufzufallen in jeder Metalband mitmachen. Zwischen ihnen springt - ebenfalls ohne T-Shirt - ein überdrehter Geiger umher, links außen qält ein dicker Brillenträger sein Banjo und in der Mitte faucht der vollbärtige Sänger und Gitarrist Greg Jamie herum. Bart scheint eh Pflicht zu sein bei dieser äußerst schwitzigen Truppe. Sie spielt eine Art Country-Punk, der klingt als wäre eine Horde Hinterwäldler von der Tollwut befallen worden.

Geradezu erholsam normal sind anschließend Los Campesinos! aus Cardiff. Die ehemalige Studentenband spielt kurzweiligen Indierock und gibt erstmals Einblick in ihr Ende des Monat erscheinendes neues Album „We are beautiful, we are doomed" - wird eine hochenergetische Sache. Die Band besteht aus sieben Mitgliedern (davon drei Frauen), wie es überhaupt der Abend der Großcombos ist. Mit Ausnahme des Trios Sky Larkin, das den Abend eröffnete, sind alle Bands mindestens zu fünft. So auch die jungen Schwedinnen von Those Dancing Days. Sie bringen den Saal mit ihrer Achtziger-infizierten Soulpop-Melange zum Mitwippen. „Run Run" ist ein echter Knaller und Sängerin Linnea Jönssons Stimme live noch weitaus beeindruckender als von CD.

Schwermut und Erhabenheit: Get Well Soon

Kurz nach Mitternacht kommen Get Well Soon zu siebt auf die Bühne. Die Band um den 26-jährigen Wahl-Berliner Konstantin Gropper spielt ein zwischen Schwermut und Erhabenheit pendelndes Konzert, das nochmals ihren Status als eine der wichtigsten Neuentdeckungen des Jahres unterstreicht. Strahlende Trompeten, wimmernde Orgel, dramatische Pausen - das ist alles ganz großes Kino. Groppers Gesang klingt wie ein tiefer gelegter Thom Yorke und bei „We Are Safe Inside While They Burn Down Out House" glaubt man ihm wirklich jede Silbe. Dass sich zwei Typen ausgerechnet zum ultrasanften „Ticktack! Goes My Automatic Heart" prügelnd auf der Erde wälzen, ist der einzige kleine Schatten über diesem schönen Popkomm-Abend.

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