Konzertkritik : CocoRosie im Admiralspalast: Ein Stückchen Traum für jeden

Geheimnisvoll, verspielt, kindlich, ausgelassen - CocoRosie zeigen im Admiralspalast alle Facetten und schaffen es auch live, ihre traumähnliche Sogwirkung auszuüben.

Julia Rothenburg

Dass Pop-Musik ein dehnbarer Begriff ist, beweist niemand besser als CocoRosie. Mit ihrem "Electronica-beat-freak-folk-hiphop-Mix" kratzt das US-amerikanische Schwestern-Duo ordentlich in den Gehörgängen herum - und das gefällt. Ihr Konzert am Dienstag im Berliner Admiralspalast ist ausverkauft. Es ist das erste in Deutschland, das Bianca "Coco" und Sierra "Rosie" Casady nach Erscheinen ihres neuen Albums "Grey Oceans" bestreiten. Mit dabei sind auf der Bühne ein Beatbox-Sänger, Schlagzeuger und der französische Jazzpianist Gael Rakotondrabe. Bianca, im verschmutzen Piratenlook, krächzt darüber mit ihrer Katzenjammerstimme. Sierra hüpft derweil als buntes Paradiesvögelchen über die Bühne, zupft an der Harfe herum oder lässt ihre Opernausbildung im wunderschönen, aber oft an die Belastungsgrenze der Zuhörer stoßenden Gesangspassagen Revue passieren.

Die beiden mögen es ausgefallen. Das ist es, was die gesamte Bühnenausgestaltung zu sagen scheint: Alle Musiker haben Farbstreifen im Gesicht, die Blut und Schmutz darstellen sollen. Im Hintergrund schwelgt eine Leinwandprojektion in Bildern von Blumen und Tieren, von verheißungsvoll schauenden Augen, und sogar von Toten und immer wieder von einem Karussell, dass sich atemberaubend schnell dreht und Lichtstrahlen über die Gesichter der Schwestern wirft.

Kindlich, aber nicht naiv

Geheimnisvoll, verspielt, kindlich, ausgelassen - CocoRosie zeigen an diesem Abend alle Facetten und schaffen es spielerisch leicht auch live ihre traumähnliche Sogwirkung auszuüben. So fern der Welt ist diese seltsame Klangkomposition, die ungewöhnliche Geräusche, von Knarzen über Pferdewiehern bis hin zu schrillen Tönen, ganz selbstverständlich mit einbezieht, und doch nicht abgehoben. Zumal die Botschaften, die die beiden mit ihrer Musik vermitteln, nicht selten eindeutig politisch und weltkritisch angehaucht sind - selbst als die Schwestern auf der Bühne ein Klatschspiel beginnen. So kindlich das Ganze auch daherkommt, naiv ist es nicht. Und so ruhig und verträumt einige Lieder klingen, mit Passagen wie "As earth she makes her final passage / After humans long have ravaged" aus Fairy Paradise von ihrem neuen Album, zeigen CocoRosie doch, dass Traum genauso gut Alptraum sein kann.

Dafür steht auch die Rollenverteilung der beiden Schwestern auf der Bühne, Sierra als skurriler Alice-im-Wunderland-Verschnitt und Bianca als reservierte Matrosin im Sturm, die es trotz starren Gesichtsausdruckes doch ab und zu wankend über die Bühne treibt. Auch das Publikum bleibt nicht ruhig, dieses Klang- und Gefühlswirrwarr reißt mit. Und so mancher in der ersten Reihe schaut sehnsüchtig zu den beiden Schwestern empor. Ein Stückchen Traum für jeden, das verspricht die Musik. Man muss sich nur darauf einlassen.

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