Konzertkritik : Dear Reader: Die Gute-Laune-Internationale

Indie-Folk in einer unvermuteten Weltgegend: Dear Reader aus Johannesburg spielten im Kreuzberger Lido.

Jörg W,er

Da, wo sie herkommen, macht man nicht solche Musik. Und wer solche Musik macht, stammt nicht von dort, wo sie herkommen: Den luftigen Indie-Folk-Pop von Dear Reader könnte man in Glasgow oder Portland verorten, vielleicht auch in Toronto, Auckland oder Uppsala. Ganz bestimmt aber würde man ihn nicht in Johannesburg vermuten, wo Cherilyn MacNeil, Darryl Torr und Michael Wright, das Kern-Trio von Dear Reader, zuhause sind.

Als Angehörige der britischstämmigen, weißen Minderheit sind sie in der südafrikanischen Achtmillionen-Metropole zugleich marginalisiert und privilegiert. Ihre Nichtzugehörigkeit zur pulsierenden Musikszene des Kwaito und die Unbehaustheit in den „Gated Areas“ ihrer Heimatstadt thematisieren Dear Reader in dem melancholischen „The Same“, das mit der Frage „Land of my Birth / are you my Mother / or am I an Orphan?“ anhebt und in einer fast kitschigen, weil unrealistischen Vereinigungsutopie mündet. Man würde Dear Reader aber Gewalt antun, wollte man ihnen dies als ideologischen Klotz ans Bein binden.

Als Polit-Visionäre taugen sie zwar kaum, dafür ist ihr flauschiger Feelgood-Pop zu unbedarft. Stattdessen sind sie, und das ist ja nicht wenig, einfach eine klasse Band. Im gut gefüllten Lido erweisen sich Dear Reader zudem als unwiderstehliche Charmeure: Wenn Cherilyn MacNeil ihre bestens gelaunten Zwischenansagen großäugig verkichert, ist sie so niedlich wie ein Katzenbaby, das mit einem Wollknäuel herumtobt. Michael Wright gibt den lausbübischen Trommelkomiker, während Darryl Torr als stiller Tüftler den Laden mit sachkenntlicher Bedienung seiner Elektroapparaturen zusammen hält.

Musikalisch haben Dear Reader zwar nicht das Rad neu erfunden, wissen ihre Möglichkeiten aber effektiv einzusetzen. Die meisten Stücke beginnen mit einfachen Akkord-Texturen auf akustischer Gitarre und Orgel, zu denen MacNeils kristallklare, dezent an Lily Allen erinnernde Stimme oft in mehreren Loop-Schleifen übereinander gelegt wird. Erst dann steigen Torrs federnder Bass und Wrights sensibles Schlagzeug ein, der so entstehende Drive bleibt aber disziplinierte Grundierung für die melodische Dominanz der Songs.

Ein Gewinn ist die neu hinzugekommene Instrumentalistin, deren Name bei der Vorstellung leider im Gekicher untergeht: Mit der Bratsche fügt sie behutsam warme Klangfarben hinzu, die zum Glück nicht allzu folkloristisch klingen. Noch besser wird es, wenn sie twangige Tonfolgen auf der E-Gitarre skizziert. Hier könnten Dear Reader weitermachen, falls sie mal in eine stilistische Sackgasse geraten sollten. Doch soweit ist es noch lange nicht. Über eine gute Stunde fesselt die Band ihr Publikum, dessen leidenschaftliche Beifallsbekundung die jungen Akteure sichtlich in Verlegenheit stürzt. Einfach zu knuddelig.

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