Konzertkritik : Depeche Mode: So laut wurde Stille noch nie gefeiert

Depeche Mode spielten vor 60 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion. Unser Kritiker Christian Schröder war dabei und vermisste, dass nur selten durchblitzte, wie avantgardistisch die Band einmal war. Und wie fanden Sie das Konzert? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung unter den Text.

Christian Schröder
Dpeche Mode
Show ohne Worte. Dave Gahan unterhielt die Massen im Olympiastadion. -Foto: dpa

Das Schöne am Pop ist: manchmal macht er die Worte tatsächlich überflüssig. Dann reicht das Anschlagen eines einzigen Gitarrenakkords, um 60 000 Menschen in Jubel ausbrechen zu lassen. Neunzig Minuten lang  haben die Fans im ausverkauften Berliner Olympiastadion bereits Depeche Mode gefeiert, doch als dann – es ist der 16. Titel des Konzerts – die kühl tackernde Melodie von „Enjoy The Silence“ erklingt, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Sänger Dave Gahan, dessen Oberkörper unter der schwarzen Lederweste von glitzerndem Schweiß überzogen ist, tritt an die Bühnenrampe und breitet die Arme aus, als ob er jeder einzelnen Zuschauer umarmen wolle. Seine Lippen braucht er gar nicht zu öffnen, den Refrain singt das Publikum für ihn: „All I ever wanted, all I ever needed / Is here in my arms / Words are very unnecessary / They can only do harm.“

Monument der Sprachskepis

„Enjoy The Silence“, der Hit aus dem 1990 erschienenen Erfolgsalbum „Violator“, ist ein Monument der Sprachskepsis. Wovon du nicht singen kannst, darüber sollst du lieber schweigen, denn Worte sind – anders als die Musik – unfähig, Gefühle adäquat auszudrücken. An diesem Abend darf man den Song durchaus auch als Liebesbekundung verstehen. Dem 47-jährigen Sänger war ein Blasentumor entfernt worden, dafür hatten Depeche Mode ihre Welttournee unterbrechen müssen. Geredet wird darüber nicht, Gahan, der seiner langjährigen Drogenabhängigkeit bereits mehrere Nahtoderlebnisse zu verdanken hatte, begrüßt das Stadion erst nach dem dritten Titel mit einem lapidaren „Good evening, Berlin“. Aber so wie die Fans jeden seiner Vitalitätsbeweise – der Sänger gibt noch immer den Bühnen-Derwisch und vollführt rasende Kreiseltänze mit dem Mikrofonständer – mit Szenenapplaus quittieren, wird die Erleichterung darüber spürbar, dass er erneut seinen Dämonen entkommen zu sein scheint.

Depeche Mode im Olympiastadion
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1 von 17Foto: Thilo Rückeis
29.07.2009 08:29Das Olympiastadion.



Lautstärker als mit dieser in ein pumpendes Disco-Inferno übergehenden Version von „Enjoy The Silence“ ist der Stille lange nicht gehuldigt worden. Die ultratiefen Bässe waren noch kilometerweit entfernt in der West-City wahrnehmbar. Solche Paradoxien gehören längst zu den integralen Bestandteilen der Erfolgsgeschichte einer Band, die vor dreißig Jahren in der Nähe von London gegründet wurde und seither weltweit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft hat. Denn Depeche Mode, die mit ihrem minimalistischen Maschinensound einst antraten, dem langhaarigen, testoterondurchfluteten Stadionrock der siebziger Jahre den Garaus zu machen, sind inzwischen genau das geworden: Stadionrocker.

Zwar bleibt die verbale Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum auf das Allernötigste beschränkt, und auch die vom langjährigen Weggefährten Anton Corbijn entworfene Show ist an Schlichtheit kaum zu überbieten. Die überdachten Aufbauten am Rande des Innenraums erinnern an eine Guckkastenbühne, in der bewegliche Scheinwerfer- und  Lautsprechermasten die handelsüblichen Licht- und Klanggewitter entfachen. Im Bühnenhimmel dreht sich, passend zum Motto „Tour Of The Universe“, majestätisch die Projektion einer Weltkugel. Und über die drei Videoleinwände flimmern psychedelisch verfremdete Aufnahmen der Band und simple Filmchen: im Zeitraffer alternde Gesichter zum Eröffnungsstück „In Chains“, eine Krähe in der Wüste zu „Walking In My Shoes“ und Atombombenpilze und Friedensdemonstranten zur Alles-wird-gut-Hymne „Peace“.

Die ganze Bandbreite der Rock’n’Roll-Pathosformel

Doch während Songwriter Martin Gore allenfalls mit seiner Gitarre ein paar Schritte vor und zurücktänzelt und Keyboarder Andrew Fletcher den ganzen Abend lang wie festgeklebt hinter seinem Synthesizerpult ausharrt, demonstriert Dave Gahan eindrucksvoll, dass er die gesamte Bandbreite der Rock’n’Roll-Pathosformeln beherrscht. Er rast über einen L-förmigen Laufsteg, animiert das Publikum mit weitausholenden Dirigierbewegungen zum Mitsingen, legt die Hand hinters Ohr und klagt: „I can’t hear you.“ Nicht mal Mick Jagger ist ein besserer Animateur. Sogar einen großen Peter-Maffay-Moment bietet das Konzert. Da singt Gore in sinatrahaft weitgespreizten Gesangsbögen den Electro-Schlager „Jezebel“ und gleich danach, nur begleitet von einem Klavier, die Gänsehautballade „A Question Of Lust“. Und überall auf den Rängen finden sich Paare, die dazu engumschlungen – die Männer hinten, die Frauen vorne – mitschunkeln.

Was für eine aufregende Band Depeche Mode in ihren avantgardistischen Anfangstagen einmal gewesen sein muss, das blitzt im Olympiastadion nur in wenigen Momenten auf. Wenn Martin Gore, Andrew Fletcher und Zusatzkeyboarder Peter Gordeno sich für den kalt ratternden Hit „Policy Of Truth“ nebeneinander hinter ihre Synthesizer reihen, erinnert ihre ingenieurhafte Strenge sofort an die Vorbilder von Kraftwerk. Doch Saiteninstrumente waren bei Depeche Mode nicht lange verpönt, ab Mitte der achtziger Jahre benutzten sie zunächst – damals noch eine Pioniertat – Gitarrensamples und bald darauf auch tatsächliche Gitarren. Schließlich wollten sie – um einen Albumtitel von 1987 zu zitieren – „Music For The Masses“ liefern.

Fünf Stücke vom Studioalbum

Mit ihrem zwölften Studioalbum „Sounds Of The Universe“, von dem sie in dieser Nacht fünf Stücke spielen, versucht die Band, an ihre Anfänge anzuknüpfen. Aus antiken analogen Synthesizern, zusammengesucht im Internet, schnarrt, fiept und sirrt es da mächtig. Doch beim Konzert verliert sich der Retrofuturismus im Gedröhn der Gitarren. Die Single „Wrong“ wird live von einem bollernden Schlagzeug zermahlen. Wie der Gefangene einer ewigen Postpubertät wiederholt Gahan 61 mal das Wort „Wrong“: Er sei zur falschen Zeit am falschen Ort geboren worden, habe die falschen Freunde gehabt und so fort. Ganz schön kokett. Einen besseren Ort als das Berliner Olympiastadion hätten sich Depeche Mode am Mittwochabend nicht aussuchen können.

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