Konzertkritik : Eagles: Nach der steifen Familienfeier wird es schön schmutzig

Tosender Empfang und vertraute Klänge in der O2-World. Die Eagles rockten in Berlin.

H.P. Daniels
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Rock'n'Roll mit Schlips und Kragen. Glenn Frey und Don Henley.Foto: Davids

Pünktlich um acht rauscht es im weiten Auditorium: tosender Empfang für eine große Band. Vier davon sind die Eagles. Man erkennt sie an den schwarzen Anzügen, weißen Hemden, schwarzen Schlipsen. "How Long" singen sie in vierstimmiger Harmonie. Schon 1971 hatte sich die Urbesetzung in Kalifornien gefunden, zunächst als Begleitband von Linda Ronstadt. Als Eagles selbständig gemacht, haben sie sich in den Jahren darauf immer mehr von ihren Countryrock-Wurzeln entfernt und wurden zu einer der erfolgreichsten klassischen Mainstream-Rockbands neben Fleetwood Mac. Nach der Auflösung 1980 haben sie sich 1994 wiedervereinigt, und immer weitermacht, zur Absicherung einer fürstlichen Altersversorgung. Immerhin waren schon für die billigsten Plätze in der riesigen, ausverkauften O2-Arena am Ostbahnhof stolze 100 Euro zu berappen. Aber da ist ja auch schon "Hotel California". Vertraute Klänge.

Stolze 100 Euro kosteten die billigsten Plätze

Optisch hätte man die ehemaligen Langhaarhippierockstars kaum noch erkannt. "Peaceful Easy Feeling" singt Glenn Frey und sieht aus wie der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan, als der noch Schauspieler war. Don Henley wirkt wie ein Versicherungsvertreter, dem, wenn er beim Singen gleichzeitig Schlagzeug spielt, die schöne Stimme zusehend brüchiger wird. Dem Bassisten Timothy Schmit ist das Haar schulterlang geblieben, die Stimme schütterer geworden. Gitarrist Joe Walsh erinnert an einen halbseidenen Gebrauchtwagenhändler, der per Handschlag einen dubiosen Deal besiegelt. Dabei gratuliert er nur einem weiteren Gitarristen zum gemeinsamen Gegniedel.

Der zur Verstärkung angeheuerte Nicht-Eagle Stuart Smith ist zunächst der interessanteste Musiker. Mit geschmackvollen Ornamentierungen, abwechslungsreichen Spieltechniken zwischen Country und Rock, simulierter Pedal-Steel. Bläser, Keyboarder und Drummer marschieren auf und wieder ab. Neue Songs, ältere und ganz alte, schnurren geölt dahin, sehr nett und ein bisschen leidenschaftslos. Illustriert auf der Videowand von Surfern, Palmen, Vollmond, Autos und Mädels. Nach einer Stunde denkt man: das war's, reicht auch, aber das war's noch lange nicht. Pause. Danach "unplugged" ein paar Songs vom letzten Album "Long Road Out Of Eden". Und endlich, wie nach dem offiziellen Teil einer steifen Familienfeier, lösen die Herren die Schlipse, legen die Jacketts ab, gehen zum fröhlichen Teil des Abends über, nehmen sich ein paar Gitarren und spielen richtig schönen, schmutzigen Rock 'n' Roll, dass es kracht. "One Of These Nights", "Life In The Fast Lane", "Heartache Tonight". Walsh treibt die Band mit scharfen Gitarrenriffs zu wildem Hard-Funk, dass es eine Freude ist. Und so wird am Ende doch noch alles gut.



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