Konzertkritik : Elbow: Gitarrennebel unter rotierendem Sternenhimmel

Im Astra feiern Elbow mit lokalpatriotischer Fan-Unterstützung ein Fest erlesener Artrock-Songkultur

Jörg W,er

Wer Elbow als Band aus Manchester bezeichnet, unterschätzt die identitätsbildende Kraft des Lokalpatriotismus. Das feinsinnige Artrock-Quintett stammt aus dem Städtchen Bury, das in unmittelbarer Nähe von Manchester liegt. Als Sänger Guy Garvey die Bandherkunft bei seinen Worten zur frühen Single „Any Day now“ betont, brandet innerhalb des Publikums im gut gefüllten Astra stellenweise Jubel auf. „No Way!“, kommentiert Garvey den nahe liegenden Eindruck, dass etliche Fans den weiten Weg von Bury nach Berlin angetreten haben. Seine ohnehin blendende Laune („I‘m better than fine“) bekommt noch einen Schub: Gelöst schäkert er mit aufgekratzten Zurufern und prostet seinen Kollegen jovial mit einer im Pop-Sponsorenbereich tätigen Kräuterlikör-Marke zu („Disgusting!“).

Garveys Gesang ist von betörender Zärtlichkeit und meistert souverän selbst die schwierigsten Melodieverschlingungen labyrinthischer Songs, deren Komplexität nie zum Selbstzweck verkommt. Bassist Pete Turner, Drummer Richard Jupp und die Brüder Mark und Craig Potter an Gitarre und Keyboard spielen mit  unaufgeregter, aber uhrwerkgleicher Präzision, dazu gesellen sich bei opulenten Stücken wie „Grounds for Divorce“ vier Streicherinnen und sechs Bläser und erweitern den Bandsound ins Progressiv-Sinfonische.

Obwohl ihre Alben allenthalben gelobt wurden und das 2008er Meisterwerk "The Seldom Seen Kid" sogar den renommierten Mercury Prize einheimste, haben es Elbow kommerziell nicht ganz an die Spitze geschafft. Vermutlich, weil sie naheliegende Erfolgsrezepte vermeiden: Weder der unbedingte Massenappeal von Coldplay noch das hysterische Überwältigungsmoment von Muse oder die intellektuelle Innovationswut von Radiohead sind ihr Ding, obwohl sie von allen Elemente aufgenommen haben. In den besten Momenten transzendieren Elbow die Eigenschaften ihrer musikalischen Verwandten, zu denen auch Talk Talk und die frühen Genesis mit Peter Gabriel gehören, in ergreifende Songkathedralen wie „One Day like this“ oder „Weather to fly“ – Stadionhymnen für eine bessere Welt. Zum melancholischen Gitarrennebel von „Scattered Black and Whites“ wird das Astra in das Gefunkel eines rotierenden Diskokugel-Sternenhimmels getaucht: nach 100 Minuten stimmungsvoller Abschluss eines erlesenen Auftritts.

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