Konzertkritik : Fehlfarben im Festsaal Kreuzberg

Die Fehlfarben sehen schmuck aus in ihren handbemalten Hemden und beweisen, was sie auch nach 30 Jahren noch sind: eine der besten deutschen Bands.

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Zu den Anzügen mit Tapetenmustern, die die Fehlfarben auf dem Cover ihrer aktuellen Platte „Glücksmaschinen“ tragen, hat es leider nicht gereicht. Doch in ihren von einer Designerin handbemalten Oberhemden sehen die Deutschpop-Veteranen aus Düsseldorf auch sehr schmuck aus, als sie im rappelvollen Festsaal Kreuzberg antreten. Könnte es feine Selbstironie sein, dass sie sich die harmlos rockenden Herpes als Vorband eingeladen haben? Immerhin hat der heutige Fehlfarben-Gitarrist Uwe Jahnke vor Urzeiten mal in einer anderen nach einer Geschlechtskrankheit benannten Gruppe gespielt: S.Y.P.H.

Überhaupt ist die Bandvergangenheit der aktuellen Fehlfarben-Mitglieder so verzweigt, dass nicht nur Sänger Peter Hein den Überblick zu verlieren droht. Beispielsweise der famose Bassist Hans Bäär alias Maahn, in unzähligen Studiosessions erprobter Bruder von Wolf Maahn. Er vertritt aushilfsweise den familiär verhinderten Dauerbassist Michael Kemner (der dann aber bei der umjubelten Zugabe „Paul ist tot“ doch noch die Bühne betritt), hat aber auch schon eine in grauer Vorzeit liegende Vergangenheit als Übergangs-Fehlfarbe. Allerdings in einer Phase, als Hein gerade nicht in der Band war. Wer soll da durchsteigen?

Jedenfalls ist die aktuelle Besetzung eine der besten der über 30-jährigen Bandhistorie, was vor allem am jüngsten Mitglied liegt: Schlagzeugerin Saskia von Klitzing mischt so viel Druck unter altbekannte und neue, sich sofort ins Gedächtnis bohrende Gassenhauer wie „Wir warten“ oder die schöne Berlin-Hommage „Stadt der 1000 Tränen“, dass den fünf älteren Herrschaften gar nichts anderes übrig bleibt, als eines der tightesten Konzerte abzuliefern, die man je von der launischen Truppe erlebt hat.

Uwe Jahnke lässt als Meister der Effektgeräte den Ausstieg des zweiten Gitarristen Thomas Schwebel vergessen. Die beiden Keyboard-Urgesteine Kurt „Pyrolator“ Dahlke und Frank Fenstermacher verrichten wie immer unauffällig und solide ihren Job. Was man im Grunde auch von Peter Hein sagen könnte, denn bis auf seine bisweilen etwas kryptischen Zwischenansagen und ein paar spackelige Tanzschritte konzentriert er sich ganz auf seinen Gesang. Den allerdings moduliert er mitunter so frei, dass die Klassiker wie das mit einem kurzen Queen-Intermezzo aufgemotzte „Ein Jahr (Es geht voran)“ und „Gottseidank nicht in England“ eher nach Coverversionen mit gewagt interpretierten Melodieführungen klingen.

Nach zwei Stunden und drei ausdauernd erjubelten Zugaben beschließt „Grauschleier“ einen Abend, der beweist, dass die Fehlfarben von ihrem alten Feuer nichts verloren haben. Immer noch eine der besten deutschen Bands.

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