Konzertkritik : Fleetwood Mac in der O2 World

Sie legen immer mal wieder Pausen ein, aber nun sind sie wieder da: Fleetwood Mac spielen in der Berliner O2 World – und zehren von Erfolgen vergangener Zeiten.

H.P. Daniels
Nicks
Stevie Nicks und Mick Fleetwood -Foto: AFP

BerlinUm halb neun wird es duster in der vollbestuhlten, vollbesetzten O2 World. Metallisches Grillengezirpe wird überspült von einer Brandung tosenden Jubels, denn auf der Bühne huschen eine paar Schatten: Fleetwood Mac, vielleicht neben den Eagles die größte amerikanische Mainstreampopband seit über dreißig Jahren. Noch wilder der Jubel, als sich im Dunkel die Schattenrisse eines Paares erkennen lassen: Stevie Nicks und Lindsey Buckingham, Hand in Hand. Einst waren die beiden ein Ehepaar, vor langer Zeit, bevor alles anfing, drunter und drüber zu gehen, privat und in der Band. Als interne Querelen, sowie exzessiver Drogengebrauch eine ganze Weile zum spannenderen Thema der Tratschpresse wurden als die Musik von Fleetwood Mac, ihre feinen, melodisch gefälligen Popsongs, die eben jene schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen thematisierten.

Das Paar springt auseinander, Licht geht an: "One-Two-Three-Four" brüllt Buckingham - Jeans, rosa T-Shirt, Lederjacke - und schon singt er den ersten dieser alten Popsongs: "Monday Morning" aus dem Jahr 1975. Lindsay stakelt auf seinen dürren Beinen wie ein verwundeter Storch, während Stevie neben ihm im schwarzgerüschten Designer-Kleid Schals und Schellenkranz schwingt und sich auf hohen Plateaustiefeln dreht wie eine Mischung aus blondem Rauschgoldengel und Bleiente auf einer Spieldose. "Bööhlinn", schreit sie, und dass nun die Party beginnen könne. Noch mehr Jubel und zwei Songs von "Rumours", einem der kommerziell erfolgreichsten Pop-Alben aller Zeiten. Fans springen aus den Sitzen, rennen vor die Bühne, recken Arme und Fotohandys, während die Musik so vor sich hinplätschert, mit einem Sound der nach gekachelter Schwimmhalle klingt. Am Bühnenrand vorne steht das amerikanische Paar, hinten die beiden Engländer, nach denen die Gruppe einst benannt worden war: der lange 67-jährige Mick Fleetwood am Schlagzeug, der ordentlich antreibt. Und John McVie, der einen soliden Bass unterlegt. Beide hatten in den 60ern bei John Mayall's Bluesbreakers gespielt, zusammen mit dem begnadeten Gitarristen Peter Green, mit dem sie schließlich die vorzügliche Blues-Band Fleetwood Mac gründeten.

Kaum eine Band dürfte in ihrer Geschichte einen eklatanteren stilistischen Richtungswechsel vollzogen haben als Fleetwood Mac nach dem Ausscheiden ihres schwer LSD-geschädigten Frontmannes Peter Green. Die Rhythmusgruppe mit der damaligen Keyboarderin und Sängerin Christine McVie, Ehefrau des Bassisten, zog 1974 vom regengrauen England ins sonnige Kalifornien, tat sich mit Nicks und Buckingham zusammen und wurde von einer knarrigen Bluesband zur lieblichen Mainstream-Pop-Gruppe. Mit dem immensen weltweiten Erfolg, von dem sie heute noch zehren. Ja, sie hätten zwischendrin immer wieder ein paar längere Pausen eingelegt, erzählt Buckingham, und jetzt seien sie wieder da, zwar ohne neues Album, aber mit den ganzen alten Songs. Und nur die wollen die alten Fans auch hören. Also bekommen sie, was sie wollen: Die meisten Stücke von den beiden besten Alben: "Fleetwood Mac" (1975) und Rumours (1977), die alten Hits, "Rhiannon", "Dreams", "Sara", "Go Your Own Way", "Don't Stop" und und und. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass alles etwas rumpelig und hallig klingt, Stevie Nicks' immer noch schöne und rauchige Stimme eher blecheimerig. Wobei sie gut daran tut, nicht zu versuchen, die ganz hohen Töne von früher zu treffen, sondern sie in einem tieferen Intervall anzusetzen, und den Rest die drei Ledermäuse im Background erledigen zu lassen, wo auch noch ein Keyboarder und ein zusätzlicher Gitarrist agieren.

Buckinghams Soli auf seiner Rick-Turner-Model-One-Gitarre wirken ein bisschen einfallslos und klischeebeladen und seine Gitarrero-Posen etwas zu selbstverliebt. Doch ohne Zweifel ist er der Tonangeber des Abends. Wehmütig erinnert man sich an Stimme und Gitarre des guten alten Peter Green, als sich Buckingham mit schwer manieriertem Gesang an dessen Hit "Oh Well Pt. 1" versucht. Am schönsten sind noch die zarteren Nicks-Buckingham-Duette mit sparsamer Akustikgitarrenbegleitung. Doch für die Fans ist heute die Party als Event mit Wurst und Bier wichtiger als jegliche musikalische Feinheiten, Dynamik oder künstlerischer Ausdruck. Und so ist der Jubel grenzenlos nach zweieinhalb langen Stunden und diversen Zugaben mit Schlagzeugsolo und einer Menge Gegröle.

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