Konzertkritik : Ganz in Weiß

Gut gegen Wind und Kälte: Das "Gotan Project" gastierte mit elektronischem Tango in der Berliner Columbiahalle.

Achim Fehrenbach

Tango plus Dub und Downbeat, das war das Rezept, mit dem das "Gotan Project" vor sechs Jahren die Lounges dieser Welt eroberte. Das Album "La Revancha del Tango" verkaufte sich über eine Million Mal. Die Musiker Philippe Cohen-Solal, Eduardo Makaroff und Christophe H. Müller hatten eine Mischung gefunden, die auch altehrwürdige argentinische Tango-Experten begeisterte. Sogar mit Berliner Herbst- und Winterabenden ist die Musik kompatibel. Bandoneon, Geigen, Beats und die melancholische Stimme von Christina Vilallonga bilden den perfekten Soundtrack für Sauwetterabende im wärmenden Café.

Berlin, die Stadt häufigen Sauwetters, durfte auf der Welttournee 06/07 natürlich nicht fehlen. Die Nachfrage war so groß, dass die Veranstalter das Konzert vom Kino Babylon Mitte in die Columbiahalle verlegten. Tausende Berliner Gotan-Fans waren gespannt auf das neue Album "Lunático" - und darauf, wie sich der Elektro-Tango wohl live anfühlen würde.

Nun, chillige Musik als Konzert, das ist so eine Sache. Man will abdriften, relaxen und träumen, aber gleichzeitig soll auf der Bühne etwas passieren, sonst könnte man ja gleich zuhause bleiben. Ich war auf Konzerten von Air und von Nightmares on Wax, und in beiden Fällen dachte ich mir: Schön, die Musiker und DJs mal gesehen zu haben, aber eigentlich höre ich mir das lieber im Ohrensessel oder in meiner Lieblingskneipe an. Die Leute auf der Bühne waren einfach viel zu relaxt für eine gute Show.

Weißer Klotz

Und Gotan? Fürs Auge ist schon mal was geboten: Die Damen und Herren Musiker erscheinen in edlen weißen Anzügen, auf der Bühne steht ein weißer Flügel und für den Bandoneon-Spieler gibt es einen großen weißen Klotz, auf den er seinen weißbeschuhten Fuß setzen kann. Die Geigerinnen sind wie griechische Statuen neben dem DJ-Pult aufgereiht. Dort, ganz weit oben, thronen die Gotan-Götter Cohen-Solal und Müller hinter ihren – natürlich weißen - Laptops. Alles sehr elegant, aber leider ziemlich statisch.

Nein, ich habe nicht erwartet, dass sie einen Tango aufs Hallen-Linoleum legen. Reichlich Bewegung entsteht ja auch schon durch die visuals. Auf der großen Leinwand hinter der Bühne wirbeln Tänzerinnen und wabern Texturen, zwischendurch werden überdimensionale Argentino-Rapper eingeblendet, einer sieht Ronaldo verblüffend ähnlich. Die weißen Kostümchen vor tiefrotem Hintergrund sehen ganz reizend aus, und wenn's mal zwischendurch in Bonbonfarben abgleitet, warum nicht?

Nur der Sound lässt zu wünschen übrig. Das liegt nicht an den erstklassigen Musikern, sondern an den Beats, die poltern, statt zu klopfen, und dem Tango die Melancholie austreiben. Alles ist ein bisschen zu laut, ein bisschen zu vordergründig, von einer unschönen Penetranz. Liegt's nur an der Akustik oder geht das Konzept live nicht auf? Wie um zu zeigen, wo ihre Wurzeln liegen, spielen "Gotan Project" dann plötzlich ein klassisches Tango-Stück ohne Computerbeats. Das Publikum jubelt, mehr als sonst an diesem Abend.

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