Konzertkritik : Gemma Ray: Immer wieder schweres Gemesser

Sie wurde mit Norah Jones verglichen und Amy Winehouse. Alles Unsinn: Gemma Ray hat ihren eigenen Stil, der allerdings noch von nicht allzu vielen Berlinern goutiert wird.

H.P. Daniels

Vor nur wenigen Monaten ist Gemma Ray schon einmal im Café Zapata aufgetreten und hat als Vorprogramm der amerikanischen Band Son Ambulance die Show gestohlen. Rumgesprochen zu haben scheint sich das allerdings nicht. Sehr übersichtlich sitzt das Publikum über den kleinen Zuschauerraum verteilt, als die junge Engländerin aus Essex ans Mikro tritt, im bunten Kleidchen mit schwerem Blumendekor und gelber Blüte seitlich im dunklen Haar, wie eine Tänzerin zwischen Hula und Flamenco.

Sie singt eine a-cappella-Strophe, metallisch schrill und verzerrt, bevor die Band dazukracht mit schwerem Klanggewitter. Gitarrist mit Gretsch-Solidbody-Gitarre, Drummer mit Minimal-Kit, Bassist und eine zweite Sängerin neben Gemma. Reizvoller Harmoniegesang. Plötzlich verebbt der Gitarrenlärm zu einem Moment der Stille. Schöne Dynamik. Kurzes Luftholen. Neues Aufdrehen. Kostproben vom Album "Lights Out Zoltar!", das im Juni erscheint. Und dunkle Lieder vom Vorgänger "The Leader", entstanden unter dem Einfluss bedüselnder Medikamente während langer Klinikaufenthalte wegen einer mysteriösen Krankheit.

Eine englische Musikzeitschrift charakterisierte Gemma Ray als "Norah Jones auf den Drogen von Amy Winehouse". Ziemlicher Unsinn, denn vom hauchigen Country-Jazz einer Norah Jones ist bei Gemma nichts zu hören. Und mit Amy Winehouse verbindet sie höchstens eine gelegentlich durchschimmernde Vorliebe für den Sound von Motown und den Girlgroup-Klang der Sechziger Jahre. Deutlich zu hören im neuen Song "100 mph", dessen Refrain Erinnerungen weckt an den alten Supremes-Hit "Stop In The Name Of Love", während andere wiederum an Lieder Lee Hazlewoods denken lassen, die einen elliptischen Drall abbekommen haben. Düsteres Surf-Gitarren-Getwängel, geklöppelte Drums und mit einem Messer von den Saiten geschabte Klangspäne. Immer wieder schweres Gemesser.

Bis Gemma den Dolch mit der Spitze in den Bühnenboden rammt und den Verstärker mit quietschigem Rückkoppelungskreischen zurücklässt. Noch zwei Zugaben und nach nur einer knappen Stunde ist es vorbei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben