Konzertkritik : Götter, Geister und Gitarren

Epochal epigonal: Die Fans huldigen Eric Clapton und Steve Winwood für über zwei Stunden solidester Rock-Unterhaltung in der O2 World mit stehenden Ovationen.

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Flinke Finger. Eric Clapton in Berlin.
Flinke Finger. Eric Clapton in Berlin.Foto: dpa

Wie die Zeit vergeht: Das Londoner Konzert von Cream, bei dem sich Eric Clapton mit Jack Bruce und Ginger Baker für einen Auftritt wiedervereinte, ist fünf Jahre her. Deutlich länger, als die mythenumrankte Supergroup in den Sechzigern überhaupt existierte. Die Nachfolgeband Blind Faith mit den Kreativköpfen Clapton und Steve Winwood gab es sogar nur wenige turbulente Monate, ehe die Hoffnungen auf ein Gegengewicht zu den Rolling Stones im Desaster mit Langzeitverkrachung der Protagonisten endeten. 41 Jahre später gehen die beiden Eminenzen wieder gemeinsam auf Tour – Ehrensache, dass zu diesem Anlass die riesige O2 World restlos ausverkauft ist.

Musikalisch erschließt sich der Sinn der Reunion schnell: Schon der Blind- Faith-Klassiker „Had To Cry Today“ zu Beginn überzeugt, weil Clapton ein gleichwertiges Pendant gegenübersteht. Als Gitarrist bleibt Winwood im direkten Vergleich zwar die „Slowhand“ und kann mit Claptons perlenden Läufen nicht konkurrieren. Dafür bringt er die natürliche Autorität eines Stars mit. Und eine Stimme, die immer noch einen eigenen Sound hat: hier nasal und gepresst, später, etwa in der betörenden Version von „Georgia On My Mind“ oder seiner tollen Solonummer „While You See A Chance“, klingt er samtig, geschmeidig, volltönend – mit 62 Jahren ist Steve Winwood ein lässiger Zen-Meister des Blue Eyed Soul.

Um Eric Claptons Ruf als Sänger ist es gewiss nicht schlecht bestellt. Seine Solokarriere fußt auf dem Wiedererkennungsfaktor seines raspeligen Organs, mit dem er sich Vorlagen wie „After Midnight“ oder „Cocaine“ zu eigen machte. Dennoch würden wohl nur wenige „Sänger“ als Berufsbezeichnung angeben: „Gitarrengott“ war er, das soll er bitte schön immer noch sein. Clapton war die Heldenverehrung zeitlebens unangenehm. Doch er weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. So lässt er seine längst zur Ikone gewordene Stratocaster zwar nicht mehr so ekstatisch aufjaulen wie in alten Zeiten, Szenenapplaus ist seinen flinkfingrig-tüfteligen, stets dem Blues verpflichteten Soloexkursionen aber sicher. Den erntet auch Winwood für sein nostalgisches Georgel auf der Hammond B3. Die ambitionierten Keyboard-Knödeleien von Chris Stainton, einem von drei gestandenen Veteranen der fünfköpfigen Begleitband, sorgen dagegen für zugehaltene Ohren.

Das obligatorische Unplugged-Set gipfelt in einer eleganten, durch Winwoods hauchzartes Getupfe bereicherten Interpretation von „Layla“ – dennoch wäre es schön, diesen größten Clapton-Song mal wieder im leidenschaftlich lodernden E-Gitarren-Arrangement zu hören.

Dafür wird zum Finale ordentlich in die Saiten gedroschen: Jimi Hendrix’ „Voodoo Child (Slight Return)“ gerät mit ausufernden Improvisationen zur Hommage an seinen Komponisten, den Clapton dennoch nicht ganz verstanden hat. Wo Hendrix stets an seinem Ausdruck gefeilt und immer neue Klangwelten erschlossen hat, bleibt Claptons aufgesetzt lärmendes Solo im Epigonalen stecken.

Eric Clapton verpasst die Chance, die ihm das Zusammenspiel mit Winwood geboten hätte: Durch die Erweiterung des Repertoires, durch grandiose Stücke wie „Gimme Some Lovin’“ von Winwoods erster Band, der Spencer Davis Group, hätte er seine saturierte Gitarrengottroutine aufbrechen können. Man erwartet ja nicht gleich die Neuerfindung des Gitarrensolos. Aber dass er selbst eine so großartige Vorlage wie Traffics „Dear Mr. Fantasy“, die Urmutter aller Heavy-Blues- Nummern, durch seinen Beitrag eher schwächt, weil er offenbar nicht mehr heavy spielen kann, ist irritierend.

Kein Thema indes für die überwiegende Mehrzahl der Zuschauer: Die huldigen ihrem Haupthelden samt Nebendarsteller und Komparsen für über zwei Stunden solidester Rock-Unterhaltung mit stehenden Ovationen.

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