Konzertkritik : Gotan Project: Elektronischer Tango

Gotan Project im Berliner Tempodrom: zwei Stunden klang- und bildgewaltigen Werkens beantworten trotzdem nicht alle Fragen.

Jörg W,er
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Keine schlechte Wahl. Gotan Project.Foto: dpa

Vermutlich ist jeder Musikstil des globalen Dorfes schon mal zum Rohmaterial für Technobeat-Bastler geworden. Gotan Project haben sich Tango für ihre Manipulation am Klangkörper ausgesucht. Keine schlechte Wahl: Die rhythmische und melodische Struktur des Tangos ist so kräftig, dass ihr die Grobschlächtigkeit des untergeschobenen stampfenden Beats nichts anhaben kann. Vielmehr entsteht durch den Aufprall eine Verstärkerwelle, die das Zeichenhafte beider Elemente - hier die schroffen Notencluster von Bandoneon, Klavier und Gitarre, dort die stumpf hämmernden Computerbeats - hervorhebt.

Virtuosität, Verführung und leichte Verspanntheit

Im Tempodrom agieren Gotan Project zunächst schemenhaft hinter einer transparenten Leinwand, auf die ein assoziativer Reigen bewegter Bilder mit urbanem Gelichter, leidenschaftlich Liebenden, einsam Irrenden projiziert wird. Zu einem putzigen Kurzfilm, in dem Adrien Brody eine verkrachte Tango-Existenz mimt, demonstriert am Bühnenrand ein ganz in Weiß gekleidetes Paar die Tanzkultur des Tangos - zwischen Virtuosität, Verführung und leichter Verspanntheit. Nach einer halben Stunde fällt der Vorhang und gibt den Blick frei auf die sechsköpfige, von einem Streichquartett verstärkte Formation. Nino Flores am Bandoneon und Eduardo Makaroff an der akustischen Gitarre sind das traditionelle Herz, um das die Chefrhythmiker Philippe Cohen Solal und Christoph H. Müller in breiten Arterien das Blut zirkulieren lassen.

Zyklopische Beats

Manchmal streifen Gotan Project allzu bekannte Klischees, die sich zwischen der Nieselregen-Melancholie des Tangos und dem Körperkult der Großraumdisco verlieren. Dann aber gelingen ihnen Momente grandioser Synthesen, etwa wenn für wenige Takte Michael Jacksons „Billie Jean“ auf das Wüten des Streichquartetts trifft. Als Zugabe singt Christina Villalonga mit viel Herzblut Astor Piazzollas „Libertango“, kurz wabert das Keyboardmotiv von „Money Money Money“ durch den Raum und verschwindet hinter zyklopischen Underworld-Beats. Nach zwei unterhaltsamen Stunden sind nicht alle Fragen nach dem Warum dieser doch gewaltätigen Klangoperation beantwortet, aber wie Gotan Project die scheinbar unvereinbaren Welten zusammenführen, ist schon sehr beeindruckend.

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