Konzertkritik : Grace Jones: Die Party hat immer recht

Comeback einer Disco-Diva: Grace Jones hat im Berliner Tempodrom ihre Deutschland-Tour gestartet.

Christian Schröder
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Irokesin. Grace Jones stilisiert sich zur Science-Fiction-Kriegerin.Foto: Davids/Darmer

Die Disco ist kein Ort des reinen Vergnügens. Denn Entspannung kann im Zeitalter des entfesselten Kapitalismus zur harten Arbeit werden. Der Maschinenrhythmus, dem die Tänzer folgen, ist der gleiche, der auch die Produktion in den Fabriken antreibt. Entfremdet ist man sowieso, bei der Arbeit genau wie beim Ausgehen. Der einzige Unterschied: In der Disco unterwirft sich der Mensch freiwillig der Sklaverei.

„Work to the rhythm/ Live to the rhythm/ Love to the rhythm/ Slave to the rhythm“, singt Grace Jones im nicht ganz ausverkauften Berliner Tempodrom, und 2500 jubelnde, tanzende, klatschende Zuschauer singen mit: „Never stop the action/ Keep it up, keep it up.“ Niemals aufhören, endlos weitermachen, das ist das Prinzip der Großraumdisco, in der ein Stück nahtlos in das nächste übergeht. Aber ein Grace-Jones-Konzert muss natürlich trotzdem irgendwann einmal enden, nach anderthalb schweißtreibenden Stunden schon. Schließlich müssen ja alle am nächsten Morgen wieder früh raus, zur Arbeit. „Wheels must turn/ To keep the flow.“

„Slave To The Rhythm“, der Hit aus dem Jahr 1985, vom Produzenten Trevor Horn mit vertrackten Breakbeats und avantgardistischen Streicher-Samples ausgestattet, ist der Höhepunkt im Zugabenblock des Konzerts. Die Disco-Diva, die im letzten Mai ihren 60. Geburtstag feierte, trägt eine glitzernde Katzenmaske über den kurzrasierten Haaren und ein enges schwarzes Bustier, ihre endlos langen Beine stecken in hochhackigen Pumps. Und während sie singt und gravitätisch über die Bühne schreitet, lässt sie einen Hula-Hoop-Reifen um ihr Becken kreisen. Fünf, sechs Minuten lang, den ganzen Song hindurch. Jeder Takt eine Umdrehung. Der Star als Metronom und Mensch-Maschine. Großartig.

„Hurricane“ heißt das Album, mit dem Grace Jones nach einer fast zwanzigjährigen Karrierepause auf die Bühne zurückkehrt. Kein anderer Pop-Künstler wusste die Kälte und den Hedonismus der achtziger Jahre besser zu verkörpern als die in Jamaika geborene und in New York aufgewachsene Predigertochter, die im Dunstkreis von Andy Warhol und dem legendären Studio 54 berühmt wurde. Ihre Stimme klang tief und roboterhaft, mit Brikettfrisur und eckig gepolsterten Kleidern stilisierte sie sich zum androgynen Science-Fiction-Wesen, die Musik wirkte fremd und düster.

„Ladies and Gentlemen: Miss Grace Jones.“ Die Ansage aus „Slave To The Rhythm“, unterlegt von sphärischen Geräuschen, eröffnet den Abend. Zu einem Trommelwirbel, ein alter Kaninchen-aus-dem-Hut-Trick, fällt der Vorhang und gibt den Blick auf eine Hebebühne frei, auf der die Sängerin wie ein Kapitän an einer Art Reling lehnt. Im trockeneisvernebelten Scheinwerferlicht ist nur ihre Silhouette auszumachen. An ihrem schamanenhaften Kopfschmuck funzeln rote Lämpchen. Während die Bühne hydraulisch nach unten gleitet, singt sie „Nightclubbing“, ihre Hymne über das Wir-Gefühl der Party-People. „We’re what’s happening/ Oh, isn’t it wild?“

Grace Jones, das ehemalige Topmodel, war eine perfekte Kunstfigur, doch ihr Auftritt ist alles andere als eine perfekt durchchoreografierte Celebrity-Show. Das Bühnenbild besteht aus einer Tabledance-Stange, Insignie der Verruchtheit, und, passend zum Tour-Motto „Hurricane“, einer Windmaschine. Jones räkelt sich an der Stange und stemmt sich dem Sturm entgegen, mal ist sie Verführerin, mal Kämpferin. Alles wirkt auf charmante Art unfertig und improvisiert. Nach jedem Stück verschwindet die Sängerin in den Kulissen, um den Hut zu wechseln. Die Lücken im Programm füllt sie mit Anekdoten („This song is about someone who died in my arms“) und Bekundungen („I need a bottle of wine“) aus dem Off.

„Hurricane“ zelebriert noch einmal die Schönheit und Subversivität der Disco- Ära und überbietet mit der Single „Corporate Cannibal“ sogar noch die Kapitalismuskritik von „Slave To The Rhythm“. Entstanden ist das Album in Jamaika, unter der Leitung der Produzenten Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, alte Weggefährten. Beim Konzert wird die Sängerin von einer sechsköpfigen Band begleitet, die den harten elektronischen Reggae der Platte mit Funk-, R ’n’ B- und Rock-Anleihen aufweicht. Bei „Pull Up To The Bumper“ wird die Bühne geentert. Die Zuschauer umarmen Grace Jones, tanzen mit ihr, fotografieren einander mit dem Handy. Fans und Star, in einer Menschentraube vereint: ein schönes Bild.

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