Konzertkritik : Gurf Morlix im "Berlin Guitars"

Große und kleine Geschichten über Verbrechen, Schuld, Sühne, Tod, Hoffnung, Liebe und Erlösung: Das Konzert von Gurf Morlix im "Berlin Guitars" war hoffentlich nicht das letzte.

H.P. Daniels

Der erste Song setzt den Ton für das Konzert, sagt Gurf Morlix. Zum Beginn seines Auftritts im "Berlin Guitars" singt der schlaksige Songwriter mit den schulterlangen, graublonden Haaren "One More Second". Eine düstere Mörderballade in bester amerikanischer "Folk Tale"-Tradition, wo durch eine einzige Unüberlegtheit von einem Moment auf den anderen ein Leben aus den Fugen gerät.

In einem anderen Song läuft ein verwirrter Mann, allen Warnungen zum Trotz, in die Stadt New Orleans, direkt in den Orkan, ins Verderben: "I'm walkin' all alone into a hurricane/only way to get home, no gettin' around it/I made up my mind, I'm movin' on faith/I'm travelin' blind/I'm walkin' to New Orleans, on judgement day."

Große und kleine Geschichten über Verbrechen, Schuld, Sühne, Tod, Hoffnung, Liebe, Erlösung und "Madalyn's Bones", die Knochen der 1995 ermordeten Gründerin der "American Atheists" Madalyn Murray O'Hair, besingt der Songwriter aus Austin, Texas, mit kratzig schöner Raspelstimme, die entfernt an Tom Waits und Jon Dee Graham erinnert.

Dabei begleitet er sich geschmackvoll und sparsam mit abwechselnden Finger- und Flatpicking auf einer schlanken akustischen "Art & Lutherie"-Gitarre. Und tappt dazu mit dem rechten Fuß auf ein elektrisch verstärktes Kantholz, zur Simulation einer Bass-Drum, auf die Eins und Drei. Und stampft als Snare-Ersatz die Zwei und die Vier mit dem linken Schuh neben ein auf dem Boden festgeklebtes Mikrofon.

Dort liegen auch drei lange Setlisten mit schätzungsweise hundert Songs. Mit schnellem Blick trifft Morlix davon eine spontane Auswahl. Die meisten Stücke stammen von den exquisiten Platten "Diamonds To Dust" (2007) und dem gerade erschienen fünften Solo-Album "The Last Exit To Happyland".

Eigentlich sei er ja Leadgitarrist, sagt Morlix, aber wenn man sich in die Singer/Songwriter-Szene begebe, würde man darüber manchmal das Gitarrenspielen vergessen. Als wollte er sich und seine Fans kurz mal wieder daran erinnern, spielt er zwischendurch ein paar rasant flinkfingrige Soli, knalligen Blues - Robert Johnson, Larry Johnson, Ragtime. Und sofort denkt man an all die hervorragenden Bands und Einzelmusiker, denen Morlix mit seinen elektrischen Gitarren, Pedal Steel, Mandoline, Dobro und unzähligen anderen Saiteninstrumenten eine ganz besondere Klangfarbe verliehen hat: Rainravens, Ray Wylie Hubbard, Ian McLagan, Butch Hancock, Buddy & Julie Miller, Mary Gauthier und und und.

Elf Jahre war er Lead-Gitarrist, Bandleader und Produzent von Lucinda Williams, hatte den großen Warren Zevon auf Tourneen begleitet, hat auf unzähligen Platten großer Musiker mitgespielt. Davon kann er eine Menge schöner Geschichten erzählen.

Auch den legendären texanischen Troubadour Blaze Foley hat Morlix eine Zeitlang begleitet. Sehr witzig erzählt er von dessen Charme und Liebenswürdigkeit, aber auch von seiner maßlosen Trunksucht, Obdachlosigkeit, Unberechenbarkeit, Unzuverlässigkeit. Um zu demonstrieren, was für ein brillanter Songwriter der 1989 ermordete Blaze Foley war, singt Morlix zwei seiner Songs: "Cold Cold World" und "Wouldn't It Be Nice".

Mit einer reizvoll americana-isierten Version von "From Me To You" erinnert Morlix liebevoll an die Beatles, die neben den Everly Brothers und Hank Williams zu den frühesten Einflüssen des 58-jährigen zählen. Und überhaupt sei die Message des Abends, dass das Leben kurz sei, dass man nicht jünger werde, man deshalb nicht zögern sollte, alle Dinge zu tun, die man tun wolle, keine Chancen zu verpassen, sagt Morlix und illustriert es am Ende mit einem gospeligen Song der Blind Boys Of Alabama: "This May Be The Last Time". Hoffentlich nicht!

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