Konzertkritik : Hellsongs: Harte Lieder für Softies

Drei Schweden verwandeln Heavy-Metal-Hymnen in luftige Folksongs. Und die Fans von Iron Maiden, AC/DC und Co. singen auch noch mit.

Jörg Wunder
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Bester Laune. Bei Hellsongs wird selbst Metallicas "Seek and destroy" zum Lagerfeuer-Hit. -Foto: promo / Jon Liinason

Coverversionen sind längst ein eigenes Genre in der Popmusik. Und da gibt es fast nichts, was es nicht gibt: New-Wave-Hits als Cappuccino-Bossa-Nova? Schunkelschlager im Industrial-Steinbruch? Kraftwerk als Cha-Cha-Cha? Bob Dylan im Reggae-Rhythmus? Alles schon mal dagewesen, nach neuen Ideen wird händeringend gesucht.

Noch einigermaßen originell ist der Ansatz von Hellsongs, die Heavy-Metal-Hymnen einer gründlichen Neubearbeitung unterziehen. "Wir sind ganz schnell und böse" begrüßt Gitarrist Kalle Karlsson grinsend das Publikum im Frannz Club, aber wer es bei dem superniedlichen Trio aus Göteburg mit der Angst bekommt, der gruselt sich auch vor‘m Sandmännchen. Mit der Rumpfinstrumentierung Elektroorgel, akustische Gitarre plus Gesang machen sie sich über anerkannte Genreklassiker her und transformieren sie in wohlklingenden "Lounge Metal".

Natürlich kommt die mitreißend fröhliche Performance der Schweden nicht ganz ohne Augenzwinkern aus. Doch wenn sie sich den Originalen ausschließlich ironisch nähern würden, wäre der Witz schnell erzählt. Außerdem würde das Publikum dann wohl nicht zur Hälfte aus echten Metal-Fans bestehen, die durch hingebungsvolles und textsicheres Mitsingen auffallen. Ist ja auch mal was anderes, seine Lieblingslieder nicht von Rockern im Rentenalter, sondern von attraktiven Jungspunden vorgesungen zu bekommen.

Eine Brünette und eine Blonde singen, zwei Jungs machen Musik - sind ABBA wieder da?

Hellsongs tun den Stücken keine Gewalt an, vielmehr hat man häufig den Eindruck, als ob sie durch eine Art archäologischen Säuberungsprozess den ursprünglichen Kern freilegen würden. Und der scheint bei vielen Metal-Hymnen verdammt nah am Folk zu liegen. Songs wie "Seek and destroy" (Metallica), "Running free" (Iron Maiden), "10.000 Lovers" (TNT) oder "Paranoid" (Black Sabbath) bekommen wie selbstverständlich ein mal melancholisches, mal funky aufgekratztes Lagerfeuer-Feeling.

Siri Bergnéhr, die den unter schwedischen Sängerinnen verbreiteten Hang zu asymmetrischen Frisuren teilt, erinnert mit ihren dicken Turnschuhen und eckigen Tanzbewegungen zwar ein wenig an eine ferngesteuerte Aerobic-Trainerin, begeistert aber durch ihre modulationsreiche Stimme, die an Suzanne Vega und Joni Mitchell denken lässt. Für einige Stücke gesellt sich eine weitere Schwedin dazu und komplettiert Hellsongs zum ABBA-Gedächtnis-Quartett: Eine Brünette und eine Blonde singen im Rampenlicht, zwei Jungs machen die Musik.

Nach 75 äußerst charmanten Minuten riskiert Siri Bergnéhr zu AC/DCs "Thunderstruck" einen abschließenden Hechtsprung mit Rumbanuss ins jubelnde Publikum. Tolles Konzert mit Bonus-Erkenntnnisgewinn: Die Lieder der harten Jungs sind ganz oft tränenziehend traurige Weisen, die erst durch tonnenschwere Gitarrenriffs, Doppel-Bassdrums und Adrenalingekreisch zu dem Krawall werden, den man kennt.

http://www.hellsongs.com
http://www.myspace.com/hellsongs

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