Konzertkritik : Konstantin Wecker: Zwischen Ironie und gerechtem Zorn

Angekündigt ist ein Abend mit Liebesliedern, doch ganz kann Konstantin Wecker nicht aus seiner politischen Haut: In der Philharmonie begeistert der 62-Jährige mit einer dreistündigen Tour de Force durch vier Karrierejahrzehnte.

Jörg W,er

Auch wenn es medial mittlerweile recht still um ihn geworden ist, versteht sich Konstantin Wecker immer noch als politischer Liedermacher. In der beinahe ausverkauften Philharmonie indes reüssiert der 62-Jährige mit einem Programm über die Liebe: Unter dem Titel „Stürmische Zeiten, mein Schatz“ nähert sich Wecker dem tiefsten aller zwischenmenschlichen Gefühle mit einem Schwerpunkt auf physische Aspekte.

Er rezitiert mit süffisantem Schmunzeln derbe Porno-Reime von lyrischen Schwergewichten wie Brecht oder Rilke und gefällt sich in der Rolle des jovialen Anekdotenonkels. Die Befürchtung, dies könnte ein langer, zäher Abend werden, angefüllt mit musikalischen Herrenwitzen und kompensatorischen Frauenversteher-Songs wie „Was tat man den Mädchen“, verflüchtigt sich zum Glück rasch.

In rasanten Tastenduellen mit seinem langjährigen Piano-Begleiter Jo Barnikel und befeuert vom virtuosen Gefiedel des eher wie eine ehemalige Heavy-Metal-Combo aussehenden Linzer Spring String Quartetts zieht Wecker alle Register seines Könnens: Konzentriert und mit leicht gepresster, aber wandlungsfähiger Stimme singt und liest er sich durch ein vier Jahrzehnte überspannendes Liedermacher- und Schriftsteller-Repertoire. Er riskiert einen lässigen Scat bei „Genug ist nicht genug“, lässt das „Liebeslied im alten Stil“ mit italienischer Belcanto-Einlage ausklingen und steigert sich beim Finale von "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" ist einen vom Ententanz bis Tschaikowski reichenden Klavierklamauk hinein.

Selbstironie ist ein bewährtes Stilmittel Weckers, der sich als angehender Senior zur Lektüre der „Apotheken-Umschau“ bekennt und bei „Tango Joe“ ein linkisches Tänzchen wagt. Dagegen offenbaren Stücke wie das zu Tränen rührende „Für meinen Vater“ eine seelenwärmende Verletzlichkeit, die man dem bayerischen Kraftkerl nicht auf den ersten Blick ansieht.

Und auch der gerechte Zorn der linken Sache lodert noch: Wecker wettert gegen „neoliberale Chefideologen und Zuhälter des Kapitals“, plädiert angesichts der letzten Bundestagswahl für eine „irische Lösung“ (wählen, bis einem das Ergebnis gefällt) und riskiert ein kesses Liedchen gegen den allseits beliebten Verteidigungsminister. Dass er sich der Zustimmung seines Publikums sicher sein kann, liegt nicht nur daran, dass sich stramme Konservative wohl kaum in ein Wecker-Konzert verirren würden. Vielmehr ist es neben herausragenden Performer-Qualitäten auch seiner ungebrochenen Integrität zu verdanken, wenn man am Ende dreier intensiver, niemals langweilender Stunden am liebsten eine Renaissance des Liedermacherwesens alter Schule herbeiklatschen möchte.

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