Konzertkritik : Lady Gaga: Porno-Pop mit Meta-Ebene

In der ausverkauften Columbiahalle tritt die 23-jährige mit einer selbstironischen Performance den Beweis an, dass ihr stampfender Eurodisco-Pop klüger ist, als er klingt.

Jörg W,er

Irgendwann geht Lady Gaga ein Licht auf: „Ihr seht alle so jung aus. Ist hier jemand über 19?“ Offenbar ist die 23-jährige New Yorkerin, die von ihren Songs in wenigen Monaten annähernd 20 Millionen kostenpflichtige (!) Downloads absetzen konnte, das Teenageridol der Stunde. Gefühlte 80 Prozent der vorwiegend weiblichen Zuschauer in der ausverkauften Columbiahalle dürften die Volljährigkeit noch nicht erreicht haben. Nach der obligatorischen Hinhaltetaktik mit zwei überflüssigen Support-Acts und Umbaupause zu stumpfer Technobeschallung bricht tosendes Gekreische los, als sich menschliche Umrisse aus dem Trockeneisnebel schälen: Lady Gaga steht hinter verspiegelten Metallplatten, die an eine futuristische DJ-Kanzel erinnern. Sie selbst trägt einen ultrakurzen, glitzernden Tutu mit dreieckigem Brustpanzer, dazu nadelspitze Stilettos, während sie von der kannibalistischen Beziehung zwischen Star und „Paparazzi“ singt.

Gagas Garderobe, die sie alle drei Songs wechselt, ist von erlesener Exzentrik: Mal gibt sie die rot bestrapste Lederrockerbraut, die auf einer Vespa von drei muskulösen Tänzern über die Bühne geschoben wird, dann die spitzschultrige, tief ausgeschnittene Travestie einer Büromaus, schließlich die schaumgeborene Venus im berüchtigten „Bubbles“-Kleid, einem halbtransparenten Nichts mit applizierten Plastikblasen, unter dem sich, keine Bange, noch ein hautfarbener Body befindet. 


Die Erotisierung ihrer Bühnenshow, die sie durch explizite Gesten und eine gerade noch jugendfreie Verwendung von „dirty words“ unterstreicht, verzichtet auf den missionarischen Ernst und athletischen Perfektionismus von Madonna oder Britney Spears. Vielleicht hat sie die aufreizenden Posen gelernt, während sie sich als Stripperin das Studium finanzierte. Doch indem sie sie mit einer ironischen Brechung versieht, bleibt Lady Gaga stets Subjekt all der sexuellen Eindeutigkeiten. 


Musik gibt‘s natürlich auch. Die kommt aber gar nicht so sehr vom Band, wie man aufgrund der monothematischen Eurodisco-Struktur von Lady Gagas Debütalbum "The Fame" vermuten würde. Vier Musiker, die habituell eher an eine Metal-Band erinnern, verleihen manchem Song ein leichtes Schweinerock-Aroma. So darf „Beautiful, Dirty, Rich“ – die Lady muss sich grad mal wieder umziehen – in ein längliches Gitarrengegniedel mäandern, das von den Fans eher konsterniert aufgenommen wird. Aber das satte Stampfen von „Just Dance“ oder „Boys Boys Boys“ wird in der Substanz nicht angetastet und dementsprechend abgefeiert. Als Sängerin ist Lady Gaga bloß Durchschnitt mit einer Tendenz zur Röhre, was immerhin für ein paar hübsche Verfärbungen in den Refrains sorgt. Dafür überzeugt sie als Performerin, wie sie gegen Ende der 70-minütigen Show an „Pokerface“ nochmals demonstriert. Schier endlos dekonstruiert sie in einer lasziven Saloon-Piano-Improvisation ihren größten Hit, ehe doch die finale Disco-Rakete gezündet wird.


Kurz zuvor durfte Michael aus Frankfurt, einer ihrer Tänzer, dem Publikum in hessischer Mundart die entscheidende Frage stellen: „Denkscht du, die Gaga isch sexy?“ – ohrenbetäubender, zustimmender Jubel – „Sie denkt, du bisch auch sexy!“ In der Illusion dieser affirmativen Symbiose dürfte ein Geheimnis von Lady Gagas Erfolg liegen.

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