Konzertkritik : Lloyd Cole: Graumeliertes Understatement

Mit zwei weiteren Gitarristen arbeitet sich Lloyd Cole im Astra durch den Fundus seiner Songs aus den letzten 26 Jahren - eine runde Sache.

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Lloyd Cole ist ein zurückhaltender, etwas scheuer Mensch. Er redet nicht viel, und wenn er mal redet, tut er das sehr leise. Alles ist Understatement an dem englischen Singer/Songwriter.

Ob jemand bei seinem ersten Berlin-Konzert gewesen sei, fragt er in den kleinen, überschaubar bestuhlten Saal vom Astra. Das war 1985 im Metropol. Der große Laden war seinerzeit brechend voll und Lloyd Cole mit seiner damaligen Band The Commotions ein angesagter Rockstar. Der Erfolg währte drei Alben. Danach zog der Engländer Cole 1990 nach New York, machte solo weiter, nahm gute Platten auf, die sich weniger gut verkauften. Er erklärte sich zum Folksänger, zog alleine mit seiner Gitarre durch kleinere Clubs, kam auch gelegentlich nach Berlin.

Ein bisschen älter und runder geworden, steht der 49-jährige heute auf der Bühne des Astra, und erscheint dabei sehr graumeliert: von den kurzgeschnittenen Haaren über die Mimik, die freundlichen Augen, die dunkle Kleidung bis zur Stimme. Graumeliertes Understatement. Es wird ein sehr ruhiger Abend mit ausschließlich akustischen Instrumenten, die in feierlicher Reihe symmetrisch auf der Bühne aufgebaut sind: Mandoline, vier Akustikgitarren, Banjo. Zwei Begleitmusiker sind diesmal dabei: das "Small Ensemble".

Wie sie da so zu Dritt nebeneinander stehen, wirken sie wie ein klassisches Folktrio vergangener Zeiten. Drei akustische Gitarren, die sich kongenial ergänzen durch die unterschiedlichen Spielweisen von Mark Schwaber, der auch immer wieder mal zur Mandoline wechselt und Matt Cullen, der gelegentlich ein viersaitiges Banjo zupft.

Gemeinsam arbeiten sich durch den Fundus von Coles Songs der letzten 26 Jahre, aus allen Phasen seiner musikalischen Laufbahn. Melancholische Geschichten über zwischenmenschliche Wirrnisse zu reizvollen Pop- und Folkmelodien. Doch sind es immer noch hauptsächlich die Songs aus der Commotions-Zeit, die von den treuen Fans am frenetischsten gefeiert werden. Allerdings dauert es eine Weile, bis die den alten Hit "Perfect Skin" von 1984 in der neuen Akustikversion erkennen, um ihn dann allerdings umso enthusiastischer zu bejubeln.

So ruhig und beschaulich dieser Abend ist, so aufmerksam man hier zuhören muss, ist es eine Freude zu erleben, wie die drei Musiker mit ihren Instrumenten miteinander kommunizieren, wie sie sich trefflich ergänzen, und dabei offensichtlichen großen Spaß haben. Immer wieder lachen sie sich gegenseitig an, wenn einer von ihnen gerade etwas besonders Schönes gespielt hat.

Coles angenehme Stimme, trocken und ohne Effekte, klingt wie am Küchentisch. Manchmal wäre eine zweite oder dritte Harmoniestimme vielleicht noch eine zusätzliche Bereicherung, aber die Mitstreiter beschränken sich aufs Instrumentale.

Etliche Songs stammen vom gerade erschienenen Album: "Broken Record", dem ersten seit etwa zehn Jahren, auf dem Cole wieder mit einer elektrischen Band spielt - eine gute Platte, auf der er seine Vorlieben für melodischen Folk, Rock, Pop und Country gekonnt miteinander verbindet. Deren Songs klingen im Konzert in akustischen Unplugged-Versionen zwar wieder anders, aber nicht minder interessant und einfallsreich. Wie auch die ganz alten Stücke, etwa "Are You Ready To Be Heartbroken" vom ersten Commotions-Album "Rattlesnakes" (1984), zu dem Matt Cullen seine Gitarre mit einem "E-Bow" schwirren lässt. Sehr ungewöhnlich auf einer Akustikgitarre.

Mit feinen Versionen von "Lady Came From Baltimore" und "Reason To Believe" erinnert Cole anrührend an den 1980 gestorbenen Singer/Songwriter Tim Hardin.

Natürlich singt er seine alten Hits "Rattlesnakes", "Forest Fire" und nach zwei Stunden und 28 Songs als letzte Zugabe "Lost Weekend". Dieser Abend jedenfalls war - alles andere als verloren – ein gefundenes Vergnügen.

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