Konzertkritik : Marianne Faithfull: Aufs und Abs des Lebens

Frenetisch feiern die Fans die große Überlebende der 60er-Jahre, die schon so viele Aufs und Abs des Lebens mitgemacht hat: Das Konzert von Marianne Faithfull in der Zitadelle wird zum unvergesslichen Auftritt.

H.P. Daniels
Montreux Jazz Festival - Marianne Faithful
Marianne Faithfull im Juli 2009 beim Montreux Jazz Festival. -Foto: dpa

BerlinBesorgt schauen die Menschen aus den dicht gedrängten Sitzreihen in den Himmel, wo die dunklen Wolken über die Zitadelle jagen. Ein komisches Wetter: den ganzen Nachmittag hatte es immer wieder geschüttet, aber jetzt kommt die Sonne. Und Marianne Faithfull schreitet auf die Bühne im schwarzen samtig seidenen Hosenanzug, der silbrig schimmernd changiert, im Licht, im Wind, je nachdem. Divenhaft fährt sie sich durch die goldblonden Haare, hält sich erstmal fest am Mikrofonstativ, lässt die Band ein paar Takte Intro spielen und singt dann, nein, nicht "Strange Weather" vom gleichnamigen Album, sondern "Times Square". Vielleicht als symbolischen Gruß an Barry Reynolds, den Komponisten und famosen Gitarristen, der seit gut 30 Jahren immer wieder ihre Platten und Konzerte exquisit veredelte und der heute fehlt. Doch die Enttäuschung über seine Abwesenheit verfliegt schnell in der Freude über eine vorzügliche neue Band, die ein festes Fundament bildet für Faithfulls starke Stimme. Musiker, die ihr verlässlich hinweghelfen über die Anfangsphase üblicher Unsicherheiten.

Sehr vorsichtig und behutsam geht die Sängerin zunächst noch mit den Tönen und Gesten um, während auf ihrem Notenpult die Textblätter flattern zu einer funkigen Version von Dolly Partons "Down From Dover". Vom exquisiten neuen Album "Easy Come Easy Go" stammt auch der Decemberists-Song "The Crane Wife 3". Faithfull taut auf, die Bewegungen werden freier, zusehends wächst das Vertrauen in sich selbst und in ihr Publikum, das ihr längst bedingungslos zu Füßen liegt.

Frenetisch feiern die Fans die große Überlebende der 60er-Jahre, die schon so viele Aufs und Abs des Lebens mitgemacht hat: glamouröse Jahre als Ikone des Rockstarjetsets an der Seite ihres damaligen Jugendfreundes Mick Jagger, frühe Charterfolge als Popsängerin mit heller, kristallklarer Jungmädchenstimme, Abstürze ins dunkle Junkie-Elend in den Straßen von Soho, und ein brillantes und dauerhaftes Comeback seit den späten 70ern. Sowie eine ständige kreative Weiterentwicklung, die einen Großteil ihrer Altersgenossen dagegen wirklich alt aussehen lässt. Berauschend legt sie all ihre Lebenserfahrung und ihren Ausdruck in eine unglaubliche Vielfalt von Songs aus den unterschiedlichsten Epochen und musikalischen Stilrichtungen, bringt ihre variantenreichen Neigungen und Interessen auf wunderbare Weise zusammen. Wenn sie etwa die Duke-Ellington-Billie-Holiday-Jazz-Ballade "Solitude" im Geist von Brecht/Weill interpretiert, zum traumhaft angeschrägten Arrangement ihrer sieben kongenialen Multinstrumentalisten. Mit Bassklarinette, Saxofon, Geige, Gitarre, Piano, Kontrabass, Schlagzeug. Wenn sie ihren großen Comeback-Hit von 1979 "Broken English", elektrisierend rockig losballert, dass die Fans ekstatisch aus den Sitzen springen. Wenn eine singende Säge Brechts "Mackie Messer" sägt, mit dem Rest der Band eine wilde Verbindung zwischen Weimar und New Orleans herstellt, um schließlich in Randy Newmans "In Germany Before The War" einzumünden. Und wenn plötzlich ein traditioneller Folksong dazwischenfunkelt. Dann ist die Faithfull mittendrin, ganz in ihrem Element. Und sie lacht: "I know it's not rock 'n' roll, but hey! We're open minded." Sagt's und brettert wüsten Rock 'n' Roll vom Black Rebel Motorcycle Club hinterher: "Salvation" mit psychedelischem Einschlag. Und natürlich die unverwüstlichen älteren Lieder: "As Tears Go By" und "Sister Morphine", ihre herzzerreißende Ballade, die man sie 1969 nicht veröffentlichen ließ, weil sich ein Drogen-Song damals nicht ziemte für eine hübsche junge Frau, wohingegen die Version der Rolling Stones 1971 widerstandslos auf Platte erscheinen konnte. Ist es Zufall, Versehen, Absicht, dass Faithfull heute bei der Textzeile "You know and I know in the morning I'll be dead!" im zweiten Teil stockt, den Tod am Morgen nicht mehr über die Lippen bringt? Sie stattdessen die Passage weghustet und sich entschuldigt: "sorry!".

Inzwischen ist die Stimme weniger brüchig splitterig als letztens noch, weicher und versöhnlicher, wenn auch das schöne alte "Why D'you Do It" immer noch flapsig rotzig von der Bühne rüpelt. Aus dem tanzenden Publikum reicht jemand einen Stoffbären auf die Bühne, vielleicht als Geste nachträglicher Entschädigung dafür, dass Marianne Faithfull vor zwei Jahren als strahlende Schauspielerin auf der Berlinale für ihre Hauptrolle im Film "Irina Palm" keinen verdienten Preisbären bekommen hatte. Liebevoll setzt sie das Stofftier auf einen Stuhl neben sich und singt als letzte Zugabe Harry Nilssons rührende Ballade "Don't Forget Me". Nach so einem Auftritt wird sie mit Sicherheit niemand vergessen.

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