Konzertkritik : Masha Qrella: Jenseits der Ironie

Kurt Weill dürfte amüsiert vom Theaterhimmel herunterblicken. So verhuscht wurde sicher noch keine seiner Kompositionen angekündigt, wie von Masha Qrella bei ihrem Auftritt mit Weill- und anderen Broadway-Songs im Prater.

Kolja Reichert

„Ein Titel, den ich mich nicht trauen würde, mir selber auszudenken“, leitet Masha Qrella „One Life To Live“ aus dem Musical „Lady In The Dark“ von 1941 ein – „aber eigentlich sehr schön.“ Mit dezent geschrammelter Gitarre wird das Stück zu einem munter groovenden Indiepopsong. Hier werden die Sterne vom Musical-Himmel geholt und hosentaschengerecht verteilt. Sie glänzen schöner als zuvor.
Masha Qrella wurde mit den Bands Contriva und Mina und zwei Soloalben zum Wohnzimmerpop-Liebling. Im Prater stellte sie ihre Neuinterpretationen von Broadway-Klassikern vor, die kommenden Freitag auf Morr Music erscheinen. Werke von Weill und Frederick Loewe, zweier Berlinstämmiger Komponisten, die in New York Ruhm ernteten, interpretiert von einer Berliner Sängerin, deren musikalische Hauptkoordinaten zwischen Bett und Gitarrenverstärker verlaufen. Wie diesen vielfach prominent und opulent interpretierten Stücken noch etwas hinzufügen? Klar: nur durch Zurücknahme. Durch die Entkleidung von jedem Vibrato und aller Fiedelei. Durch die Übersetzung in Kammerpop.

Es ist ein hoch spannender Zugriff auf die Musikgeschichte, ähnlich dem, den The Whitest Boy Alive pflegen: Sind dort die Muster elektronischer Tanzmusik mit analogen Instrumenten nachgezeichnet wie mit Fineliner, so hier die Broadway-Schlager mit Buntstiften, sprich: einer Minimalbesetzung aus Schlagzeug, Gitarren und Moog-Synthesizer. Loewes „Drunken Scene“ wird unter Andi Haberls Schlagzeug-Synkopen zum Reaggae, „Wandering Star“ zur Sonic-Youth-Gitarrenstanze. Der halb umgebaute Prater mit dem abgeplatzten Putz und einer Bühnenwand aus Wellblech bietet den passenden Rahmen für diesen sanften Bildersturm.

Es ist eine Art Ursprungsforschung, die Qrella da an Archetypen des Pop-Songwritings betreibt. Deren Formstrenge tut ihr selbst gut, ihr entwaffnend unprätentiöser Gesang entfaltet sich in aller Reinheit. Emotionales Schwergewicht wie „On The Street Where You Live“ wird handlich, indem jede Identifitikation vermieden wird – zugleich aber auch, und das ist wichtig, jede Ironie. Hat zeitgenössiche Popmusik ein Glaubwürdigkeitsproblem, wie mancher Kritiker behauptet, dann kennt Masha Qrella die Lösung.

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