Konzertkritik : Meine Mädchen (Teil 1)

Randy Newman gibt ein ergreifendes Solo-Konzert im Admiralspalast.

von
Kleines Welttheater. Randy Newman am Flügel. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Kleines Welttheater. Randy Newman am Flügel. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpaFoto: dpa

Tote tragen keine Karos. Randy Newman sitzt im dunkelblauen Anzug und ebenfalls dunkelblauen, ungemusterten Hemd am Flügel und singt: „I’m dead but I don’t know it.“ Und 1600 Zuhörer skandieren im Chor: „He’s dead, he’s dead.“ Es wird gegluckst und gekichert, für eine Beerdigung ist die Stimmung im ausverkauften Berliner Admiralspalast ziemlich gut. Tot zu sein, aber nichts davon zu wissen, das muss die Hölle sein. Newmans Song „I’m Dead (But I Don’t Know It)“ ist ein schaurig schöner Abgesang, ein mit rollenden Boogie-Woogie-Akkorden unterlegter Nachruf in eigener Sache. Er gilt den Untoten des Rock-’n’-Roll-Zirkus, die weiter durch die Stadien tingeln, obwohl sie längst nichts mehr zu sagen haben. „When will I end this bitter game?“, fragt der Sänger, dann setzt der Chor den Schlusspunkt: „You’re dead.“

Randy Newman, 66, ist ein großer Sarkast, aber vom eigenen Spott hat er sich selber nie ausgenommen. „Each record that I’m making / Is like a record that I’ve made / Just not as good.“ Die neuen Platten klingen wie die alten, nur nicht so gut. Ein bitterer Befund und reines Understatement. Denn mit seinem vor anderthalb Jahren veröffentlichten Album „Harps and Angels“ hat Newman bewiesen, dass noch mit ihm zu rechnen ist. Da blickte er mit Orchesterbegleitung auf sein Leben zurück und geißelte die Bigotterie der politisch oder religiös Erleuchteten. Im Plüschgehäuse des Admiralspalasts genügt ihm ein Konzertflügel und die immer knurriger gewordene Stimme, um sein kleines Welttheater zu entfalten.

Newman macht Witze übers Älterwerden, obwohl das Älterwerden alles andere als lustig ist. Über Stalin und Strawinsky kommt er in seinen dahingeplauderten Zwischenmoderationen auf seine Tochter, mit der er um den besten Sitzplatz im Restaurant streitet und die ihn anfaucht: „Mein Gott, sooo berühmt bist du nun auch wieder nicht.“ Dann spielt er „The Girls in My Life (Part One)“, ein „Lied in der Art von Schubert“, allerdings völlig ohne Schubert-Akkorde. Newman schwelgt in Ragtime, Swing und OldtimeCountry, mit der europäischen Kunstliedtradition haben seine Stücke tatsächlich mehr zu tun als mit dem im Blues- Schema verwurzelten Rock ’n’ Roll. Er singt die Hedonismushymne „It’s Money That I Love“ und die Liebeserklärung an seine Heimatstadt „I Love L. A.“, bei seinem berühmt-berüchtigten Gassenhauer „Short People“ beginnen die Zuschauer mitzuklatschen.

Wo der Spaß aufhört und der Ernst beginnt, ist bei Randy Newman nie ganz klar. Gehässigkeiten formuliert er gern in der Ichform, etwa als koksender Alkoholiker in „Guilty“ oder als stolzer Südstaatenprovinzler in „Birmingham“, der prahlt: „You can travel ’cross this entire land / There ain’t no place like Birmingham.“ Seine Rollenlyrik wirkt mitunter zynisch, dabei ist sie bloß präzise. Die Ironie endet bei den Liebesliedern, da wechselt der Tonfall ins Aufrechte, fast Inbrünstige. Als er seine zweite Frau heiratete, widmete Newman seiner ersten Frau, von der er gerade geschieden worden war, einen Abschiedssong. Er singt ihn leise, zu sanft verwehenden Tönen: „I miss you, I’m sorry but I do.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben