Konzertkritik : Michael Hirte: Tremolo für tausend Träume

Der "Mann mit der Mundharmonika" trat im Tempodrom auf. Michael Hirte ist allerdings eher ein soziologisches, als ein künstlerisches Phänomen.

H.P. Daniels
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Michael Hirte.Foto: dpa

Die meisten haben das Rentenalter überschritten. Die Atmosphäre am Mittwochabend im Tempodrom erinnert an eine Mischung aus Butterfahrt, Firmenjubiläum und Möbelhauseröffnung. Das „Orchester Bobby Bauer“ spielt eine Ouvertüre mit Uffta und es ertönt eine Kaufhausstimme: „Erleben Sie an einem unvergesslichen Abend das Supertalent Michael Hirte!“ Der ist ein charmant schüchterner Typ, Marke: netter Nachbar von nebenan, im hellblauen Hemd, mit verwaschenen Jeans, Mütze und keckem Bäuchlein.

Der „Mann mit der Mundharmonika“ ist ein Phänomen, weniger künstlerisch als soziologisch. Ähnlich wie beim Waliser Paul Potts ist seine Geschichte immer wieder über den Boulevard gezerrt worden: nach schwerem Unfall verlor der LKW-Fahrer aus dem Spreewald seine Arbeit, blieb auf einem Auge blind und kann wegen eines kaputten Beins nur noch hinken. Unglück auf der ganzen Linie, bis der Hartz-IV-Empfänger, der sich als Mundharmonikaspieler in der Potsdamer Fußgängerzone ein bisschen Geld dazuverdiente, per Fernsehwettbewerb zum „Supertalent“ mutierte. Woraufhin über eine halbe Million Menschen seine zum Weihnachtsgeschäft eilig bespielte CD kauften und jetzt in die Konzerte strömen. Sicher nicht, weil Hirtes Mundharmonikaspiel besonders hervorragend wäre, sondern wegen dieser rührenden Geschichte: vom Verlierer zum Superstar. Weil er eine ideale Projektionsfläche bietet für Träume, zu denen jetzt enthusiastisch Leuchtstäbchen geschwenkt werden. Zu Klatschmarsch und Tremolo, zwischen „Stand By Your Man“, „Ännchen von Tharau“, „Tränen lügen nicht“ und „Knockin' On Heaven's Door“.

Weil eine dubiose Liedersammlung als Harmonika-Solo-Version nicht abendfüllend ist, hat man dem wackeren Michael Gäste zur Seite gestellt. Kathy Kelly aus der berüchtigten Family singt strapaziös Irisches und Spanisches. Noch anstrengender sind die Einlagen des öligen Schlagertenors Silvio d’Anza, der in Kitsch badet und den Schmachtfetzen „Time To Say Goodbye“ ins gerührte Auditorium schwülstelt. Fast erleichtert ist man, als „unser Michael“ zum Schluss allein auf der Bühne steht und „Que Sera“, „La Paloma“, „Horch was kommt von draußen rein“ und „Muss I denn zum Städtele hinaus“ bläst. Ein Phänomen.

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