Konzertkritik : Michael Rother & Friends im Admiralspalast

"Spielt doch mal was von Neu!" ruft ein Fan auf die Bühne. Aber Rother und seine Freunde spielen auch in den zwei Zugaben nichts von "Neu!", sondern – ja, was ist das? – etwas Neues?

von

Als das Theaterklingeln ertönt, sind gerade mal eine Handvoll Leute im großen Saal des Admiralspalasts, unmerklich mehr werden es beim zweiten Klingeln. Was ist los? Kommt keiner? Will keiner Michael Rother sehen, den legendären Musiker, der Anfang der 70er bei Kraftwerk spielte, dann mit dem Drummer Klaus Dinger die Gruppe "Neu!" gründete, anschließend mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius bei "Harmonia" spielte und dann einige erfolgreiche Soloplatten veröffentlichte.

"Michael Rother & Friends play the music of NEU!" hatte es in der Konzertankündigung geheißen, und als das letzte Theaterklingeln erschallt, die Türen zu Saal schon geschlossen wurden, strömen die Fans doch noch in den Saal, alte Fans von "Neu!", man sieht es an den T-Shirts, überwiegend grauhaarige, gesetzte Gestalten, mit einem Sinn für "das Besondere" im Blick, für "unorthodoxe Kunst".

Kaum haben sich alle gesetzt, stehen Rother und seine Freunde schon auf der Bühne in angenehm nüchtern sparsamer Kulisse: ein Bassturm, ein Ludwig-Schlagzeug und zur Linken ein massiver, schwarzverhängter Tresen mit Rothers elektronischen Gerätschaften drauf, Keyboards dahinter. Er hängt sich seine weiße Stratocaster um und wirft den Computer an: eine klappernde und raschelnde, repetitive Rhythmusfigur. Weitere Synthesizer-Stimmen kommen dazu, filzgeklöppeltes Schlagzeug vom Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley und dräuender Bass des jungen Aaron Mullen.

Der Klang schwillt mächtig an, wird zum Sturm, während hinter den Akteuren graue Nebelwolken fetzen. Irgendwann kehrt die Ruhe zurück mit melodisch weicher Gitarre, dann hämmert das Schlagzeug los, gewaltig rockend: tatta-klack und tatta-klack, und Rother tänzelt wippend hinterm großen Schaltpult, und lässt seine Gitarre schwer verzerrt jaulen und kreischen. Wie schade, dass er so versteckt agiert hinter seiner Schaltzentrale, dass man nicht sehen kann, was er auf der Gitarre macht und wie und wann er seine Computer bedient. Dass man nicht auch mit den Augen verfolgen kann, wie sich die interessanten melodischen Wendungen auf dem Instrumentarium vollziehen. Manchmal weiß man nicht, ob die Keyboards schreien oder die Gitarre.

Da ist eine tiefe, dunkle Gitarrenmelodie mit verdrehtem Surf-Sound und einer Western-Melodie. Etwas Östliches kommt später, etwas Arabisches. Dann wieder der Klang eines fahrenden Autos im Regen. Und es rockt wieder, nach vorne getrieben vom knalligen Schlagzeug. Und vom Bassisten, der in seinen mannshohen Verstärkerturm hineinhorcht, nach den vorwärtsmarschierenden Achteln. Das wirkt hypnotisierend, versetzt in Trance.

Gelegentlich fragt man sich, an was einen diese knalligen Klänge erinnern. Klar, da ist der Grundsound von Iggy Pops Version zu "Real Wild Child". Kein Wunder, hatte sich doch Iggy schon immer zu den Einflüssen von Neu! bekannt.

Deutlich zu erkennen ist auch der typische Sound des Albums "Heroes" von David Bowie, der Rother 1977 zur Zusammenarbeit eingeladen hatte. Ebenfalls ein bekennender Verehrer von Rothers früherer Band Neu!.

Aber was ist eigentlich hier im Konzert mit Neu! Mit deren angekündigter Musik? - "Spielt doch mal was von Neu!" ruft ein Fan auf die Bühne. Aber Rother und seine Freunde spielen auch in den zwei Zugaben nichts von "Neu!", sondern – ja, was ist das? – etwas Neues?

Egal, aufregend waren diese anderthalb Stunden allemal, und nur ein paar alte Neu!-Anhänger vielleicht ein bisschen enttäuscht, dass es nichts Altes gab.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben