Konzertkritik : Moddi im HAU2: Björks kleiner Bruder kommt aus Norwegen

Der norwegische Newcomer Moddi gibt ein erstaunliches Konzert im HAU2. Er singt Lieder, die sanft daherkommen und ihre Wucht langsam und gewaltig entfalten.

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Wollpulli, Locken, Nordmeer. Das ist Moddi.
Wollpulli, Locken, Nordmeer. Das ist Moddi.Foto: Hilde Mesics

Schüchtern sitzt er da, verschwindet fast hinter seinem Akkordeon und traut sich kaum ins Publikum zu gucken. Eingemummelt ist er in einen dicken Wollpullover, natürlich mit Norwegermuster, am Anfang hat er sogar noch eine Pudelmütze auf den blonden Wuschellocken. Die Füße tasten dagegen barfuß über den Bühnenboden. Das ist Pål Moddi Knutsen, kurz Moddi. Mit gesenkten Lidern begrüßt er die Zuhörer, nuschelt die Songtitel, manchmal huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Doch dann fängt er an zu singen und schon ist sie da, die Gänsehaut.

Eine klare, weiche Stimme erhebt sich, ein Cellobogen streicht einen warmen Ton, die Drums pulsieren, dazwischen rauschen Muscheln an Fäden. Ganz sanft gehen die Lieder los, es sind weiche, wiegende Melodien, doch das ist nur der Anfang. Gewaltig steigern sich Intensität, Instrumentierung, Melodie und Stimme. Am Ende eines fast jeden Liedes hat sich Moddi, der gerade noch wie ein flauschiges Küken ausgesehen hat, völlig verausgabt, er brüllt fast, durchleidet und fühlt sich durch jeden Song. „Björks Halbbruder“ hat ihn ein norwegischer Journalist genannt, „kleiner Bruder“ trifft es vielleicht noch besser, da kann er noch ein bisschen wachsen. Im letzten Jahr veröffentlichte er sein erstes Album, „Floriography“, das mittlerweile auch in Deutschland zu haben ist. Gleich zwei Nominierungen für den renommierten Spellemannsprisen, den norwegischen Grammy, hat ihm das eingebracht.

Das Publikum lauscht verzaubert. Getanzt wird nicht, dazu sind die Lieder zu ruhig und ergreifend. Ein bisschen schade ist es, dass durch die Gegebenheiten im HAU2 eine Art Orchestergraben zwischen den Künstlern und dem Publikum entsteht. Die Zuhörer sitzen auf den Stufen, die Musiker stehen auf der Bühne, dazwischen sind drei, vier Meter freier Raum. Erst beim Applaus und vor der Zugabe erheben sich die Zuschauer zu Standing Ovations. Schon bald kommen Moddi und seine Bandkollegen wieder. Moddi ist jetzt gelöster, zieht den dicken Pulli aus und fängt an, mit dem Publikum zu scherzen. Noch einmal stellt er seine Band vor, Katrina am Cello, Jørgen an den Percussions und Erik am Kontrabass.

Ein bisschen ungelenk hüpft Moddi zwischendurch herum, dann singt er die letzen beiden Lieder, und wieder ist es, als rauschten die Wellen des Nordmeeres durch das HAU, als wehte der Wind über eine raue Landschaft. Auf der Insel Senja ist Moddi aufgewachsen, ganz weit im hohen Norden des Landes also, und seine Musik kann diesen Einfluss nicht leugnen. Am eindrücklichsten ist das vielleicht in dem Lied „Krokstav-emne“, das einzige, in dem er norwegisch singt:

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