Konzertkritik : Morrissey: Lasst euch küssen!

Der Heilige hat es eilig: Morrissey gibt in der Berliner Columbiahalle ein kurzes und intensives Konzert.

Jörg W,er
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Morrissey.

Aus schäumendem Pianogeklimper schält sich eine Melodie, die einem irgendwie bekannt vorkommt. Klingt wie – es ist doch wohl nicht wirklich „You''ll Never Walk Alone“, die Fanhymne des FC Liverpool, die da als Präludium ertönt. Und das bei Morrissey, dem berühmtesten musikalischen Sohn Manchesters, das mit der Mersey-Metropole in inniger Abneigung verbunden ist.

Morrissey hat sich von der Viruserkrankung erholt, deretwegen er vor kurzem mehrere Konzerte in England absagen musste. „Ich bin euer demütiger Gast“, so begrüßt er das Publikum in der ausverkauften Columbiahalle, das ihm einen ohrenbetäubenden Empfang bereitet. Und sich sofort in einen tausendstimmigen Chor verwandelt, als die vertrauten Textzeilen von „This Charming Man“ losbrechen, der aus dem Jahr 1983 stammenden zweiten Single der Smiths. Jener Band, mit der Morrissey seinen Ruf als einer der besten Sänger und Songwriter der letzten 30 Jahre begründete. Fünf Stücke der Smiths spielt Morrissey an diesem Abend in Berlin und untermauert damit sein Erbrecht auf deren unermesslich reiches Songbook. Auch wenn manche Kritiker behaupten, dass er ohne seinen kongenialen Gitarristen und Co-Autor Johnny Marr nie wieder so gut war wie vor dem Ende der Smiths 1987.

Morrisseys fünfköpfige Tour-Begleitband, die in ihrerBlue-Jeans-plus-Hemd-Uniformierung an eine Rockabilly-Gang aus den Fünfzigern erinnert, ersäuft jegliches Nostalgiegefühl in einem Stahlbad des Lärms. Die Gitarristen Boz Boorer und Jesse Tobias lassen kantige Akkorde splittern, Solomon Walker beackert den Bass mit eisernen Pranken, sein Bruder Matt hämmert wuchtig aufs Schlagzeug und drischt im vibrierenden Finale von „How soon is now“ auf einen gewaltigen Gong ein, während Morrissey sich vor Verzückung auf den Boden wirft. Die Musik ist laut, kraftstotzend, verdichtet. Manchmal nahe am Metal, fast immer Welten entfernt vom luftigen Britpop-Geschrängel der Smiths.

Ein schwächerer Sänger hätte keine Chance gegen diesen wall of sound, aber Morrissey scheint das Gegengewicht zur melodischen Finesse seiner Stücke zu genießen. Seine warme, volltönende Crooner-Stimme trägt mühelos auch noch die Last all seiner gravitätischen Texte voll unerfüllter Sehnsüchte, unerwiderter Liebe und universeller Weltverdrossenheit. Als Showman ist Morrissey eine Klasse für sich. Gerade in die vor Pathos überquellenden und umso stürmischer bejubelten Songs wie „Irish Blood, English Heart“ oder „I''m Throwing My Arms around Paris“ schleudert er sich mit wunderbar übertriebener Gestik, die bei der lasziven Kreatürlichkeit Elvis Presleys und der Distinguiertheit Frank Sinatras Anleihen macht. Natürlich weiß Morrissey, der von ein paar Wochen seinen 50. Geburtstag feierte, um seine charismatische Wirkung, ist jedoch klug genug, sie auf der Bühne selbstironisch zu unterspielen. So sind nicht nur seine Ansagen in sich gebrochene Statements der Bescheidenheit, auch die Huldigung an die Fans, die ihm ekstatisch ihre Hände entgegenstrecken, erledigt er mit uneitler Pflichtschuldigkeit. Er bleibt auch gelassen, als es einer Konzertbesucherin gelingt, die Bühne zu entern und ihm eine Umarmung aufzunötigen, was die grimmigen Sicherheitskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Um die Leidenschaft zu erahnen, mit der Morrissey als einer der Hauptheiligen der Popmusik verehrt wird, muss man sich den Tumult anschauen, der nach der glutroten Ballade „Let Me Kiss You“ entsteht. Er streift sein Hemd ab und wirft es ins Publikum, wo es sofort zerfetzt wird. Im Internet kursierende Berichte über Fingerbisse können nicht verifiziert werden, aber das kurze Scharmützel um die Berührungsreliquie sieht von der Empore heftig aus.

Nach rund 70 Minuten geht dem Rekonvaleszenten dann doch die Puste aus. „I''m OK by myself“, und ein furioses Bass-Solo beenden den Hauptset. Die obligatorische Ein-Song-Zugabe mit dem großartigen „First of the Gang to Die“ beschert dem Security-Personal nochmal eine Menge Arbeit bei dem Versuch, die stage invaders im Zaum zu halten. Well done, Mozzer!

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