Konzertkritik : Noah And The Whale im Postbahnhof

Mehr Keyboards und Computer, mehr Programmierung und Pop: Noah And The Whale überraschen mit einem erneuten musikalischen Kurs- und Stimmungswechsel.

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Noah And The Whale.
Noah And The Whale.Foto: promo

Eine orchestrale Hornfassung der "Bohemian Rhapsody" von Queen bläst den kleinen Fritzclub im Postbahnhof auf mit feierlicher Erwartung. Zur hymnischen Ouvertüre und unter großem Jubel ihrer sehr jungen, vorwiegend weiblichen Fans sprinten Noah And The Whale auf die Bühne. Schmale Hemden in engen Anzügen mit dünnen Schlipsen. Zwei langhaarig Blonde links und rechts, Fred Abbot und Urby Whale, Akustikgitarre und Bass, dazwischen drei Dunkellockige mit schicken Stirntollen. Jack Hamson klopft einen Bo-Diddley-Beat ins Schlagzeug. Tom Hobden grinst hinter den Keyboards nach den Mädchen in der ersten Reihe. Im Mittelpunkt ganz vorne steht mit Fender-Jaguar-Gitarre der Songschreiber Charlie Fink, optisch eine Mischung aus domestiziertem jungem Lou Reed und noch jüngerem Donovan.

Mit rumpelig schwermütigem Bariton singt er: "This is a song for anyone with a broken heart…" Ihm hatte vor ein paar Jahren Laura Marling das Herz gebrochen, seine ehemalige Freundin und Backgroundsängerin von Noah And The Whale, die sich inzwischen zu einer bemerkenswerten Solokünstlerin der neuen Britischen Folk-Szene entwickelt hat.

Präsentierten sich Noah And The Whale 2008 mit dem Debütalbum "Peaceful, The World Lies Me Down" noch als fröhlich bunte Folk-Pop-Truppe, verarbeitete Fink seinen Trennungsschmerz 2009 zum melancholischen Songzyklus "The First Days Of Spring". Jetzt, wo alles überwunden scheint, überraschen Noah And The Whale mit dem erneuten musikalischen Kurs- und Stimmungswechsel von "Last Night On Earth": mehr Keyboards und Computer, mehr Programmierung und Pop.

Auf der Bühne wechseln sie ständig die Instrumente: ein Arsenal von Gitarren und Tastaturen, elektrisch und akustisch. Dazu jede Menge Anleihen aus dem großen Fundus der Rockgeschichte. In "Tonight's The Kind Of Night" mischen sich Springsteens "Badlands" mit "Baba O'Riley" der Who und "Waterloo Sunset" von den Kinks. Immer wieder blitzen Riffs und Melodiefetzen aus den Songs hervor, dass man sich ständig fragt, wo man dies oder jenes schon einmal gehört hat. Und doch sind die Mosaike so schön und geschickt zusammengesetzt, dass etwas beeindruckend Neues entstehen konnte.

Eine ganze Weile irrt der schüchtern scheue Fink mit seiner Brummelstimme durch die Intonation und die Tiefen seiner eingängigen Melodien, bis sich die Band zu klanglicher Geschlossenheit und wirklicher Stärke zusammenfindet. Fingerpicking, Schrubbelgitarre, Knatterschlagzeug, Fiedel-Fiddle. Nach gut neunzig Minuten am Ende noch das Zeug zum großen Hit: "L.I.F.E.G.O.E.S.O.N" mit der von den Kinks geliehenen "Lola"-Melodie und einem umwerfenden Mitsingrefrain. Und schließlich "5 Years Time", wo sich die großen Klassiker "La Bamba" und "Louie Louie" mit "Fun Fun Fun" von den Beach Boys treffen.

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